Als Pendant zu jenem äußerst häufigen Künstlertyp, der martialischen Schaffensdrang, Fleiß, Energie, Ausdauer, doch wenig bis null Talent mitbringt, stehen überall Menschenkinder herum, deren ekstatische Fähigkeit hinter ihrem mystischen Bedürfnis herhinkt, eine schaurige Fehlsteuerung innerhalb der zerebralen Naturanlagen, mangelnde Feinabstimmung, kaufreudige Unterkiefer ohne Oberkiefer, Glocken ohne Klöppel. Die Opfer säumen bergeweise jegliche Religionsgeschichte, vom Psalmisten, dessen Herr auf kein Lamento reagiert, bis hin zum Sufi-Adepten, der Allah vorweint, daß er nun dreißig Jahre lang brav alle Rituale vollzogen, aber dafür keine einzige Vision empfangen habe.

Der stets Nüchterne ahnt nicht, was ihm fehlt, und übrigens fehlt ihm gar nichts, denn seine Neuronen frönen nicht weniger der Vita activa als die eines mystisch begnadeten Gehirns. Sigmund Freud brüstet sich geradezu seiner Unmusikalität plus Unfähigkeit, also Ablehnung ozeanischen Gefühls. Bevor Aldous Huxley an die ihm erreichbaren Pforten der Wahrnehmung vordringt, gibt er kleinlaut zu, daß seine visuelle Phantasie stets wenig ausgeprägt war: "Worte, sogar die bedeutungsvollen Worte der Dichter, vermögen in meinem Geist keine Bilder hervorzurufen. Auch Schlafmittel erzeugen bei mir keine Visionen." Es gibt mengenweise Leute, die mengenweise beliebige Drogen sich reinziehen, mit sichtlicher Inklination, sogar Sucht, und die dennoch nicht viel davon haben, allenfalls ein wenig Ausgelassenheit plus Katzenjammer, gleichwie es immer wieder Leute gibt, siehe Rasputin, die sich durch die gemeinhin tödliche Giftdosis nicht umlegen lassen, und andere, die beim Coitus, wie Sartre im Interview gelangweilt zugab, nichts Besonderes fühlen, außer ein klein bißchen am Schluß, und die dennoch Coitus eifrig anstreben, als wäre da etwas zu holen.

In früheren Jahrhunderten gab es eine inzwischen weithin ausgestorbene beziehungsweise übertönte Rauschart, den Frühlingsrausch. Knallbunte Objekte im Winter, Erdbeeren, aus Tiefkühltruhen steigend, verhindern heutzutage den ungeheuren Rauschausbruch, der in "Le sacre du printemps" rekonstruiert wird, wenn nach monatelanger Abstinenz von Farben und Düften auf einmal Osterglocken, Almrausch und eingeschlafene Triebe aller Art aufbrachen. Heute sind die jahrhundertelang hervorgestoßenen Frühlingsgedichte zu Hausfrauenlyrik verkommen. Folglich mußten im Zeitalter der Reizüberflutung immer stärkere Auslöser gefunden werden, bis hin zur Hirnbombe LSD.

Tim Leary, eine originelle zeitgemäße Variante des unverhofft doch noch nicht ausgedienten Typus des Religionsstifters, grast etliche Dichtung nach psychedelischen Stellen ab und gibt sich solchermaßen als Wissenschaftler - nicht als Mystiker - zu erkennen; auch Freud suchte fieberhaft nach prominenten Eidhelfern wie Dostojewskij, in die er Kastrationsangst und ödipalen Schnickschnack hineinlesen konnte. Bei aller Bewußtseinserweiterung will es Tim Leary seinem geliebten Hermann Hesse nicht zutrauen, daß er das Magische Theater und die Morgenlandfahrer ohne Rauschmitteleinfluß geschrieben haben kann.

Der Möchtegernmystiker kann - im Zeitalter des Medikamentefressens - noch soviel botanische Hörgeräte und Nachtsichtgeräte einwerfen, sein realismusbefangener Gen-Pool läßt sich nicht hinaufejakulieren auf die schimmernden Goldwiesen des Mammutmystikers Jean Paul, dessen Astralreisen selbst dann nicht abebbten oder farbschwächer untergurgelten, wenn er das erbärmliche A und O aller spießig Freizeitberauschten, das banale Bier, wegließ, das er sofort magisch in körpereigene Halluzinogene umzuwandeln verstand.

In der Glossenserie "Typologie der Berauschten" sind bisher erschienen: