Was haben Frankreichs Journalisten mit den Tabakpfeifenpoliererinnen in Saint-Claude gemeinsam? Richtige Antwort: Sie genießen Steuerprivilegien - genauso wie achtzig weitere Berufsgruppen. Dreißig Prozent ihres Einkommens dürfen sie abziehen, erst vom Rest bekommt der Fiskus seinen Anteil. Damit soll nun nach Meinung der Regierung Schluß sein.

In der vergangenen Woche erlebten daher die Franzosen einen "pressefreien Tag". Das ist zwar für viele nichts Neues. Doch bis dahin waren es stets die Drucker, die Setzer oder die Zustelldienste, welche dafür sorgten, daß Zeitungen nicht herauskamen. Diesmal waren es die Journalisten: Fernseh- und Rundfunknachrichten fielen aus, die Ticker der Nachrichtenagentur AFP hörten auf zu rattern, und vom "Télégramme de Brest" bis zu den "Derniéres Nouvelles d'Alsace", aber auch bei nationalen Gazetten wie dem "Figaro" oder der Sportzeitung "L'Equipe" standen die Pressen still, weil es nichts zu drucken gab. Statt dessen versammelten sich über tausend Journalisten zum Protest vor der Nationalversammlung - eine ungewohnte Rolle, wie den meisten anzumerken war. Mancher Lokaljournalist drohte gar "seinem" Abgeordneten, ihn künftig totzuschweigen, wenn er sich nicht für die Beibehaltung des Privilegs ausspreche.

Das Problem ist heikel, nicht zuletzt für die Betroffenen selber. Einerseits geißeln sie in ihren Artikeln zu Recht die zahllosen vom Staate verschiedenen sozialen Gruppen gewährten Privilegien. Sie höhlen die Demokratie aus und fördern die Klientelwirtschaft. Andererseits sind gerade im Medienbereich viele dringend auf ihren Steuerabschlag angewiesen: Wenigen hochbezahlten Leitartiklern und Fernsehmoderatoren stehen in Frankreich Tausende von Journalisten gegenüber, die monatlich kaum mehr als umgerechnet 3000 Mark brutto verdienen. Die Dreißig-Prozent-Klausel wurde denn auch 1934 just als Mittel der Presseförderung eingeführt. Müßten die Medienarbeitgeber künftig höhere Gehälter zahlen, käme es zwangsläufig zu Entlassungen. Denn die Presse des Landes steht auf tönernen Füßen; selbst renommierte Blätter darben finanziell. Die Pressevielfalt und damit letzten Endes die Pressefreiheit ist bedroht, meint Jean-Marie Colombani, der Chefredakteur von "Le Monde". Auch jene Zeitungspatrons, die sich aus Gründen der Gerechtigkeit nicht für das journalistische Steuerprivileg schlagen wollen, fordern deshalb als Ersatz mit Nachdruck neue Wege der Presseförderung. Doch dazu schweigt die Regierung bislang.

Weitere Proteste und Arbeitsniederlegungen sind also abzusehen. Den Franzosen bleibt als Trost, daß sie über das Allerwichtigste gleichwohl informiert werden: Am Morgen des Streiktags um 4.23 Uhr verbreitete die AFP die Eilmeldung: "Los Angeles: Popstar Madonna wird Mutter eines Mädchens, Maria, drei Kilo." Dann verstummte der Ticker wieder.