Durch das Fenster seines Arbeitszimmers dunkelte die Eibe herein, der deutsche Friedhofsbaum. Sie warf Stille auf den Schreibtisch, auf den Computer, den Scanner, den Drucker und auf einen kleinen Stapel Akten. Ich stand dort allein und dachte: Wie angenehm. Eine Art Chefzimmer in der eigenen Wohnung, mit einer Wand erlesener Bücher und wenigen Ordnern, alles in berückender Aufgeräumtheit. Der Herr der Räume aber stand auf dem Balkon, des Photographierlichtes wegen, hoch über dem Hang, der in den Neroberg von Wiesbaden übergeht. Die Photographin stellte ihn zurecht, mit dem Rücken zur Eibe vermutlich.

Ich war eingetreten in das Reich des Dr. Dorow, angezogen von geistreich formulierten Büchern über die romantischen Zwangsjacken von Liebe und Treue, über seine Idee, die bankrotte Einehe mithilfe der "8er-Ehe" zu erlösen. Wer war Dr. Dorow? Offenbar ein energischer Intellektueller, der mit Gefühlen nicht lange fackelt. So lange wenigstens nicht, wie er in den gewaltigen Schriftdeponien der Kulturgeschichte nach anderer Leute Liebe, Ehe und Treue gräbt - ein scheinbar kühler Archäologe auf der Suche nach Beweisen, daß die Chaoswelt der menschlichen Beziehungen eine Art Monte Testaccio ist, der römische Scherbenhaufen gleich neben dem Schlachthof.

Ich fand zwei Sessel, paarig aufgestellt, jeder mit eigener Leselampe. Ich setzte mich erst in den linken, dann in den rechten und erblickte einen Fernsehapparat, offenbar das Fenster zur Welt. Dr. Dorow, soviel wußte ich schon, lebte im Ruhestand, ein jugendlicher Sechziger. Aber sein Buch von der Treue hat einen Untertitel: "Die brisante Seite der Liebe", womit die genetisch programmierte Neigung zur Untreue gemeint ist. Ob er in diesen Räumen mit den Anforderungen des Untertitels experimentierte?

Immerhin, sein Alter ego hatte ein harmlos klingendes Pseudonym. Als Autor heißt Herr Dr. Dorow Frank Joachim, und das sind seine Vornamen. Eine gutmütige Camouflage angesichts des Plädoyers für den Aufstand gegen die Einehe, den sittlichen Pfeiler des Abendlandes. Frank Joachim, ein verkappter Wildling? Oder vielleicht doch ein sozialverträglicher Konsensheld des Bürgerlichen Gesetzbuches, das ja die Polygamie verpönt? Ein Mann etwa, der den allfälligen Versuchungen zur Untreue übermenschlich widersteht, obwohl er weiß, daß er ihnen statistisch erliegen müßte? Ein gezähmter Kommunarde, der noch immer alles denkt, aber nichts mehr tut? - Ich wartete.

Ich wartete, und als Schritte hörbar wurden, stand ich auf. Doch öffnete sich eine Nebentür, und eine schöne, eine liebenswürdige Frau unbestimmbaren Alters erschien in ihrem Rahmen. Es war Frau Dorow, und ich dachte an den zweiten Sessel. Sie setzte sich aber wie besuchsweise auf das rechtwinklig gestellte Sofa im Schatten des Schreibtischs. Sie machte einen glücklichen Eindruck und wollte mir das Warten verkürzen.

Als hätte sie eine Frage gehört, sagte sie, ja, hier leben wir. Wir leben hier gern, schon wegen der Stille, die mein Mann so liebt. Schon das Gurren einer Taube in der Eibe kann ihn zur Verzweiflung bringen. Vor einigen Jahren, sagte sie, hatte mein Mann einen Schlaganfall. Der riß ihn aus dem Beruf. Das war schwer. Er mußte neu sprechen lernen. Er mußte sein Gedächtnis wiedergewinnen, Lähmungen überwinden. Er ist anfällig für Kopfschmerz. Lesen Sie, schreiben Sie, sagte der Arzt zu ihm.