Wenn Altlinke sich der Jugendzeit erinnern, der wildbewegten, klingt es oft auch nicht anders als bei den Kriegsveteranen. Nichtige Details werden da mächtig aufpoliert, Anekdoten und Schwänke dazuerfunden, kurz: ein diffuses, mildes Licht erhellt all die alten Geschichten, und wir Zuhörer müssen's halt leiden.

In diese Reihe passen die Erinnerungen des Joseph von Westphalen, soeben auf der CD-ROM "Mein Kosmos" erschienen, bestens hinein. Biographisches Material aus den Jahren 69-71 wird dabei mit den gesammelten Essays, Reportagen und Prosatexten des Autors verknüpft. Darunter die meisten jener ausgefeilten Satiren, die dem Münchner über die Jahrzehnte den Ruf eines scharfzüngigen "Zeitgeistlästerers" einbrachten: keine Gnade für Mountainbiker, Softis und CSU-Politiker. Nachzulesen zum Beispiel in der umfänglichen Anthologie "Moderne Zeiten. Blätter zur Pflege der Urteilskraft".

All diese schönen Spöttereien finden sich auf der CD-ROM wieder, allerdings nicht säuberlich sortiert, sondern kreuz und quer miteinander verschaltet, auf daß der User in Josephs Kosmos frohgemut herumspringen möge. Alles erläutert vom Autor persönlich, in Bild und Ton. Als Ausgangspunkt seiner Erinnerungstour wählte Westphalen einen Zettelkasten aus Studententagen. Hunderte von Bildchen und Textfetzen finden sich darin: ein Portrait von Marx, eins von Hamsun, mehrere von Gottfried Benn, einige Blondinen und Zeilen wie diese: "Gibt es ein Leben vor dem Tod?" "Was werde ich?" "Alles blöd, nix verstehen!"

Nun also liegt das Sammelsurium in digitalisierter Form vor. Mit viel Liebe zum Detail wurden die alten Eselsohren, die vergilbten Seiten und Klebeflecken graphisch für die Bildschirmoberfläche nachgebildet. Wer nun auf den Marxkopf klickt, dem erscheint auf einem Zettel, was dem jungen Westphalen seinerzeit bei der "Kapital"-Lektüre einfiel: "Ein bißchen den Humor vermißt in diesem Werk." Mehr noch: Von der Tonspur steuert der angejahrte Autor seinen Kommentar aus heutiger Sicht bei: "Ich war damals sehr kühn, das vor meinen linken Freunden auszuplaudern."

Wer dann immer noch Näheres über die engere Beziehung zwischen Zettel, Marx und Autor wissen will und weiterklickt, der landet zuletzt bei den jüngeren Aufsätzen Westphalens. So läßt sich zu fast jedem Stichwort, jedem Bildchen aus dem alten Zettelkasten eine entsprechende Textstelle neueren Datums finden. Und der Leser darf sich dem wonnigen Gefühl hingeben, daß ja doch irgendwie alles mit allem zusammenhängt.

So wäre Westphalen, der unermüdliche Materialsammler und Fußnotenfetischist, schon der Richtige für ein solch weitverzweigtes und verzwicktes CD-ROM-Autorenprojekt. Wenn er nur etwas zu sagen hätte. Wer will wirklich wissen, was Westphalen einstmals von Marx hielt? Was er von Hamsun klaute? Was er unter einem "Zitterorgasmus" versteht?