Wir sind ein blödes Volk. Dies hat der deutsche Dichter Heiner Müller gesagt - eine Pointe als Jüngstes Gericht. Und des Sängers Fluch traf alle Deutschen und logischerweise auch die deutschen Dichter. Blöd geboren, blöd gelebt und blöd gestorben, verdummt in alle Ewigkeit. Wer könnte dem deutschen Dichter widersprechen? Wie blöde nämlich muß ein Volk sein, dessen beste Dichter derart blöde Sprüche machen?

Nun aber sind die blöden Deutschen plötzlich weg. Vom Erdboden verschwunden. Der Teufel hat sie geholt, vielleicht bluten und schwitzen sie jetzt in der Hölle. Vielleicht aber hat sie der Teufel auch in ein riesiges Raumschiff gepackt (so groß ungefähr wie die Berliner Volksbühne Ost) und hinaus ins Weltall geschossen. Da kreisen sie nun in alle Ewigkeit, blutlos, schwerelos, und dürfen nimmermehr sterben. Und wir müssen ihnen zusehen, es ist die Hölle, doch zum Glück dauert die Hölle nur drei Stunden. Nur? Danach jedenfalls braucht man viel Verstand (oder viel Bier), um irgendwie auf die liebe Erde zurückzufinden.

Frank Castorf inszeniert ein berühmtes Rührstück aus dem Jahre 1942: "Des Teufels General" von Carl Zuckmayer. Peter Schubert, schon Castorfs Nibelungen-Baumeister, hat hierzu die Bühne erfunden: einen löchrigen Riesenkarton mit einem gelblich glitzernden, zerknitterten Deckel. Der Kasten wäre ein Kerker, wenn da nicht die große Öffnung in der Rückwand wäre: Hinaus fliegt der Blick auf eine magisch schimmernde, kreisende Planetenkugel. Die Mutter Erde auf die Altvater Castorf, der Außerirdische vom Prenzlauer Berg, mit einem Sehnsuchtsblick hinüber- oder auch hinunterschaut. Denn auf der Erde, wir sagten es schon, gibt es keine Deutschen mehr. Und auch die berühmte Volksbühne (Ost) ist schon lange, lange tot. Und der Theatergott sagt, daß es gut ist.

Aber der Himmel? Keine Ahnung. Nur eines ist gewiß: Wenn es ihn gibt, diesen Himmel, dann muß der deutsche Dichter Carl Zuckmayer dort zu finden sein. Er hat es, mehr als jeder andere deutsche Dichter, von Herzen verdient. Carl Zuckmayer, den alle liebten und alle zärtlich nur "Zuck" nannten. Der einzige, der es wagen konnte, auf dem Theater gegen den Teufel selber anzutreten.

Der Teufel ist Hitler. Sein Stellvertreter auf der Bühne ist der infernalische Dr. Schmidt-Lausitz, Beruf Kulturleiter. Des Teufels General ist der sagenhafte Herr Harras. Er ist kein Nazi, aber ein Nutznießer der Leute, die er aus tiefer deutscher Seele verachtet. Er ist ein Künstler, ein Superstar der Lüfte, wie Gustaf Gründgens ein Superstar der Bühnenkünste war. Einer, für den der grausige Luftkrieg vor allem ein beglückendes Spektakel ist, weil er darin die diabolische Glanzrolle spielen darf. Bis das Spiel nicht mehr weitergeht - und General Harras (anders als die Überlebenskünstler des Theaters) aufrecht in den Freitod geht.

Ein deutscher Mann, ein deutscher Held, eine deutsche Eiche. Auf die Welt gekommen, um von Curd Jürgens gespielt zu werden, wie es in Helmut Käutners Film (1955) dann auch tatsächlich geschah - und die Deutschen (dieses eben nicht nur blöde, sondern auch unvergleichlich gefühlsstarke Volk) zu Tränen rührte.