Im Herzen Afrikas herrscht Krieg, eine halbe Million Menschen sind auf der Flucht. Im Süden nichts Neues? Diesmal verstummen die Zyniker. Denn die Flammen, die im Zentrum des Kontinents hochlodern, drohen den ganzen Landriesen Zaire zu erfassen und einen Flächenbrand von der Kongomündung bis zum Kilimandscharo zu entfachen.

Götterdämmerung im Staat des allmächtigen Mobutu Sese Seko. Und plötzlich wächst dem alten Despoten wieder jenes geopolitische Gewicht zu, das er im Kalten Krieg hatte. Als der Antagonismus zwischen Ost und West noch in fernen Stellvertreterkriegen ausgefochten wurde, galt Mobutu als treuer antikommunistischer Statthalter in Afrika. Der Westen sah großzügig darüber hinweg, daß er das wohlhabende Zaire ausplünderte. Nach dem Fall des Kommunismus jedoch hatte der Mohr seine Schuldigkeit getan man ließ ihn fallen.

Seit Monaten weilt Mobutu nun in der Schweiz, um sein Krebsleiden kurieren zu lassen. Jetzt, da er wohl auf sein nahes Ende zugeht, erscheint der plündernde Potentat fast als die einzige Autorität, die eine "zweite Kongokrise" und mit ihr die Auflösung Zaires abwenden könnte.

Das Reich zerfällt von den Rändern her, lehrt die Geschichte Roms.

Im Osten von Zaire ist die Anarchie ausgebrochen Mobutus Armee kämpft gegen Tutsi-Rebellen, die im 18. Jahrhundert aus Ruanda eingewandert waren. Der Kriegsschauplatz verweist auf das Epizentrum des Konflikts: auf Ruanda und Burundi, Zwillingsstaaten, in denen sich die Minderheit der Tutsi und die Mehrheit der Hutu gegenüberstehen.

Was in Europa gerne als Stammesfehde etikettiert wird, ist in Wahrheit ein politischer und ökonomischer Dauerzwist mit ethnischen Obertönen, die von deutschen und belgischen Kolonialherren vorgespielt wurden und sich ins kollektive Gedächtnis fraßen. Seit zwei Generationen entlädt sich der Verteilungskampf in wechselseitigen Pogromen in Ruanda gipfelten sie 1994 in einem Völkermord.

Tutsi und Hutu sind Täter und Opfer zugleich. Die Eliten errichteten jeweils Despotien und impften ihren Völkern nur eine Ultima ratio ein: die Auslöschung der Gegenseite. Den periodischen Gewaltexzessen folgten stets Massenfluchten. Momentan leben 1,7 Millionen entwurzelte Menschen in Auffanglagern, die sich wie eine Elendsspange um Ruanda und Burundi legen. Die Flüchtlingsheere trugen den Konflikt in die Nachbarländer. Die Vereinten Nationen sind an dieser Entwicklung mitschuldig. Sie geben für die Versorgung der Flüchtlinge jeden Tag eine Million Dollar aus. Die gezielte Rückführung der Heimatlosen aber wird vernachlässigt, obwohl jeder Nothelfer weiß, daß sich die Krise ohne Repatriierung nicht überwinden läßt.