Der Prolet kennt weder Grenzen noch Nationen, sagt der große russische Revolutionär Lew Dawidowitsch Bronstein, genannt Trotzkij. Nicht nur der Prolet, auch der Börsianer. Wie weit der Internationalismus auf dem Parkett bereits gediehen ist, zeigt schon die Ausdrucksweise.

Wie selbstverständlich werden an der Frankfurter Börse die großen Sprachen der Welt benutzt: Englisch (Clearing, Hedging and so on), Französisch (Coupon, Courtage, Arbitrage et cetera) und Italienisch (Kassa, Agio e cosi via). Selbst ein paar deutsche Wörter sind zu finden. Etwa die beiden kleinen, aber nicht unwichtigen Begriffe Brief und Geld.

Allerdings: Wenn Börsianer von Geld sprechen, dann haben sie nicht direkt Cash im Sinn - obwohl sie an nichts anderes denken. Für sie ist Geld ein Synonym für Nachfrage. Geld liegt vor, wenn einer Wertpapiere oder Devisen kaufen will. Ob er sie bekommt, hängt vom Brief ab. Der Ausdruck steht für Angebot. Wenn beides zusammentrifft, Brief und Geld, wenn sich die Preisvorstellungen decken, kann der Deal stattfinden.

Weshalb man sich gerade dieser beiden Wörter bedient, liegt auf der Hand: Geld steht dafür, daß einer die Kohle hat, um etwas zu kaufen. Und Brief rührt vermutlich daher, daß früher Wertpapiere oft "Brief" genannt wurden und teilweise auch noch werden. Man denke bloß an Schuldbrief, Pfandbrief oder Freibrief.

Apropos Freibrief. An der Börse darf ja jeder mitmachen. Selbst wenn er einen Ibis von einem Dax nicht unterscheiden kann. Gerade für diese Anleger sind Geld und Brief wichtig. Sonst bekommen sie schnell einen Ladenhüter angedreht. Man muß nämlich wissen, daß die im Kursteil der Tageszeitungen mit einem "B" (für Brief) gekennzeichnet sind. B heißt: nur Angebot. Dieses Papier will einer loswerden, aber niemand nimmt es ihm zu diesem Kurs ab.

Anders bei Wertpapieren, deren Kurse mit "G" (für Geld) gekennzeichnet sind. G heißt: nur Nachfrage. Keiner war bereit, das Papier zum genannten Kurs herzugeben.

Kurzum: B und G sind Alarmzeichen. Hier fehlt es an Nachfrage, dort am Angebot. Wer solche Papiere hat, kann schnell in Teufels Küche beziehungsweise im Börsenkeller landen. Denn in beiden Fällen scheint der Handel alles andere als zu florieren. Um sicherzugehen, daß man seine Papiere auch wieder los wird - und sei es mit Verlust -, sollte man sich stets vergewissern, daß Brief und Geld stimmen.