Möhringen ist nicht der Ort, auf dessen Milieubeschreibung die Republik fieberhaft gewartet hat. Vor dreißig Jahren war es noch ein Dorf. Heute gehört der Ort zu Stuttgart, und auf einer Wiese am Ortsrand hat Mercedes-Benz sein Verwaltungszentrum abgestellt.

Ein mineralisch glänzender alien, der längst psychisch Wurzeln geschlagen hat. Die Verwandlung des Dorfs fällt in die Lebensspanne derer, die um 1960 geboren sind.

Am 31. Oktober läuft "Die Überlebenden" in Berlin und Hamburg im Kino an, in Stuttgart steht der Film bereits in der fünften Woche auf dem Programm für einen Dokumentarfilm ein seltener Fall. Der Berliner Regisseur Andres Veiel erzählt die Geschichte dreier Jungen, die vor zwanzig Jahren in die gleiche Klasse gingen und sich viel später, als Männer, das Leben genommen haben.

Es gibt zwei Traditionen, der Selbsttötung zu begegnen: die moralische und die mitleidsvolle. Die Moralisten, hat der französische Historiker Maurice Pinguet festgehalten, sind beerbt worden durch die Irrenärzte die Mitleidsvollen durch die Soziologen. Beide Diskurse hat Jean Améry mit seinem Essay "Hand an sich legen" (1976) versucht zu durchkreuzen. "Dem Suizidär ist bange", schrieb er, um klarzumachen, daß die Motive nicht heroischer Natur sind. Im Gegenzug trieb er das existentialistische Denken am Thema Freitod zu dem makabren Schluß: "der einzige Weg ins Freie, der uns offensteht". Damit hatte die Selbsttötung den Status einer Religion erreicht.

Die Überlebenden bleiben zurück. Ihre sozialen Rollen werden in das unbarmherzige Licht einer fortwährenden - offenen oder getuschelten - Befragung getaucht: Haben die Eltern versagt? Warum konnten die Geschwister nicht helfen? Hat niemand diese jungen Männer geliebt?

Andres Veiel ist diese Fragen angegangen in dem Bewußtsein, daß die Antworten eine Kollision der Interessen auslösen. Wenn es zu erklären gilt, was schiefgegangen ist, gibt es nicht nur eine Theorie. Selbsttötungen hinterlassen ein wucherndes Ungetüm von Schuld. Dessen Binnenstruktur ist das gewöhnliche Leben. Möhringen und anderswo: die Bundesrepublik der D-Mark, der Ostverträge, der Fußgängerzonen.

Ob die Selbsttötungen von Rudi, Tilman und Thilo - in dieser Reihenfolge - einer immanenten Logik folgen, ist die zentrale Frage des Films von Andres Veiel. Leben und Tod von Thilo bilden die Rahmenhandlung.