In unseren Bibliotheken türmen sich die Bücher zum Thema Imperialismus. Doch gibt es immer noch Wissenslücken.In seiner Studie, hervorgegangen aus einer bei Wolfgang Mommsen geschriebenen Dissertation, gelingt es Boris Barth, eine dieser Lücken zu schließen.Am Beispiel der deutschen Hochfinanz untersucht er die Nahtstelle zwischen Wirtschaft und Politik für die Zeit 1870 bis 1914.Dafür hat der Autor eine beeindruckende Fülle von verstreutem Quellenmaterial zusammengetragen und ausgewertet. Die Arbeit analysiert einerseits den Einfluß von Banken auf die außenpolitischen Vorgänge, andererseits die Rückwirkungen der politischen Ereignisse auf Investitionsentscheidungen.Besonderes Augenmerk richtet der Autor auf die Rolle der deutschen Hochfinanz im sogenannten informellen Imperialismus, etwa in China, Südafrika oder im Osmanischen Reich.Barth teilt das derzeit verbreitete Unbehagen am Begriff "Imperialismus" und an den großen Theorien seiner Deutung.Er schlägt vor, von den "Imp erialismen" beziehungsweise von den unterschiedlichen Ausprägungen der europäischen Expansion zu sprechen.Dieses Konzept schließt die stärkere Berücksichtigung lokaler Entwicklungen in den Investitionsgebieten der europäischen Banken ein.Einer der Vorzüge dieser Studie besteht denn auch darin, daß Barth nicht nur kenntnisreich die Politik der europäischen Akteure diskutiert, sondern in seinen Fallstudien zu außereuropäischen Regionen die jeweils einheimischen Entwicklungen möglichst differ enziert einbezieht. Der Autor kann anhand einer Fülle von Beispielen eine schon ältere These belegen: Die europäische Hochfinanz richtete ihre Transaktionen selten an nationalen Grenzen aus.So zählten im Transvaal, in den 1890er Jahren von der deutschen Reichsleitung als Objekt imperialistischer Begehrlichkeit entdeckt, für die deutschen Banken allein die Gewinnerwartungen. Wer im südlichen Afrika die politische Macht innehatte, war ihnen gleichgültig, solange ein Minimum an politischer Stabilität gegeben war.Folglich verliefen die Konfliktlinien zwischen den Banken während der Phase der finanziellen Expansion vor dem Ersten Weltkrieg sehr selten parallel zu den politischen Auseinandersetzungen der europäischen Staaten.Die Transaktionen der großen multinationalen Bankgruppen konnten im Einzelfall durchaus Spannungen verschärfen, waren insgesamt aber eher friedens erhaltend.Größere Konflikte störten die Geschäfte.Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde deshalb in Hochfinanzkreisen durchweg als Katastrophe empfunden. Karl Helfferich, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, legte am Tag nach der englischen Kriegserklärung seine Akten auf den Tisch der Direktion und sagte: "Hier ist nichts mehr zu tun das gibt ein Trümmerfeld." Boris Barth: Die deutsche Hochfinanz und die Imperialismen Banken und Außenpolitik vor 1914 Franz Steiner, Stuttgart 1995 505 S., 136,- DM