RÜDESHEIM. - Rüdesheim liegt am Rhein und doch nicht. Dazwischen liegt die Bahn. Rund 340 Züge, die meisten davon Güterzüge, donnern täglich am Rheinufer vorbei. Wer hier spazierengeht und schwätzen will, muß sein Gespräch alle paar Minuten unterbrechen oder die Stimmgewalt eines Marktschreiers mitbringen. Kommt einmal kein Zug, hält der sich zuverlässig stauende Autoverkehr den Geräuschpegel halbwegs aufrecht, wenn er denn verkehrt. Denn wegen der vielen Züge ist der Bahnübergang auf der parallel verlaufenden Bundesstraße während vierundzwanzig Stunden acht Stunden lang geschlossen.

Öffnen sich die Schranken, heißt es stop-and-go, und die Abgase der Fahrzeuge tun ein übriges: Rund 21 000 sind es täglich. Vater Rhein spielt im wörtlichen Sinne eine Nebenrolle: Er ist nur durch drei schäbige Unterführungen erreichbar, zwischen Bahntrasse und Wasser bleibt gerade noch Platz für einen Fußweg.

Schon im Jahre 1913 wurden die ersten Forderungen nach einem Tunnel laut, der die unselige Bahntrasse und mit ihr die Güterzüge verschwinden ließe. Der Tunnel steht bis heute aus, doch der Streit darüber hat dieser Tage einen neuen Höhepunkt erreicht. In Rüdesheim und Umgebung will jeder die rettende Röhre. Nicht nur, weil sie die Lebensqualität an der Rheinstraße verbessern würde, sondern auch, weil sie der Stadt und ihrer strukturschwachen Umgebung zu neuen Kräften verhelfen soll. So jedenfalls argumentiert die Initiative "Pro Tunnel", ein Verein, in dem sich rund 250 Bürger, örtliche Vereine, Gemeinden und die Handelskammern der Region zusammengeschlossen haben. Das verkehrstechnische Nadelöhr der Region fürchtend, seien einige Investoren bereits vom Rüdesheimer Gewerbegebiet weggeblieben, erläutert der Vorsitzende Bernhard Breuer. Kein Zweifel, die kleine Stadt hat schon bessere Zeiten erlebt. Auch die Touristenströme sind dünner geworden. Die zahlungskräftigen Wochenendurlauber aus dem Rhein-Main-Gebiet finden den Weg fast gar nicht mehr.

Weinselige Kegelclubs ("Drei Flaschen Lieblichen bitte!") und ältere Herrschaften, die aus Gewohnheit kommen, bestimmen das Bild auf der Drosselgasse, vermischt mit ein paar japanischen Touristen, bei denen es für Neuschwanstein nicht gereicht haben mag.

Dennoch sei der Tunnel gewiß kein privates Interesse der Rüdesheimer Fremdenverkehrsbranche, verteidigt Bernhard Breuer das Projekt, das in seinem Keller bald ein Dutzend Aktenordner füllt. Und wenn der ambitionierte Winzer vom Tunnel und von seiner Heimat spricht, von Menschenwürde bei 56 Dezibel und von den fast 2000 Arbeitsplätzen, die dem Rheingau in den vergangenen fünf Jahren abhanden gekommen sind, dann will man ihm gerne glauben, daß es um mehr geht als eine schlichte Verkehrsberuhigung. Schon Breuers Vater hat vor Jahrzehnten für den Tunnel gekämpft. Der Bund als Eigentümer der Bahn hat im Grunde nichts gegen die Tunnelpläne, die ein Umweltverträglichkeitsgutachten vor vier Jahren auch als die beste aller denkbaren Lösungen empfahl.

Allein bezahlen will die Regierung sie nicht. Kostenpunkt: 180 Millionen Mark.

"Zu teuer", hieß es vor kurzem ablehnend aus dem Verkehrsministerium, die Beseitigung des Bahnübergangs und eine Teilortsumgehung täten es schließlich auch. Diese rund 80 Millionen Mark teure Minimallösung zu finanzieren, ist der Bund ohnehin verpflichtet. Für städtebauliche Sonderwünsche der Rüdesheimer habe man indes kein Geld, läßt der Minister wissen. Wenn das Land Hessen, der Kreis und die Stadt Rüdesheim die Finanzierung der fehlenden 100 Millionen Mark auf die Beine stellen könnten, bitte schön, dann sei man einverstanden mit der unterirdischen Lösung. Ob die Rüdesheimer Stadtväter überhaupt noch an den Tunnel glauben, ist schwer zu sagen. Mehr als 10 Millionen Mark könne man jedenfalls nicht beisteuern, verlautet es aus dem Rathaus. Auf die Unterstützung der hessischen Landesregierung war in den letzten Jahren kaum zu bauen. Die Verkehrsminister gaben sich zwar stets verständnisvoll, doch die mitregierenden Grünen mochten das Projekt bis vor kurzem nicht so recht liebgewinnen, es würde ja schließlich auch dem Autoverkehr nützen. Die Folge: ein Zickzackkurs. Lange währt das Spiel um den Tunnel nun schon und wird nicht gut: 1937 war die Planung schon einmal abgeschlossen, der Baubeginn stand kurz bevor, doch dazwischen kam der Krieg.