Wer später einmal Näheres wissen möchte über das Innenleben jenes verlorengegangenen Stücks Globus, welches auf dem Buchumschlag von Richard Swartz' Sammlung "Room Service" Europas Naher Osten heißt und dessen mit dem Begriff real Existierender Sozialismus nur ungenau bezeichnete soziale Ordnung die Geschichte eines Großteils unsres Jahrhunderts prägen half, wird nicht umhinkommen, sich mit diesem Buch zu beschäftigen. "Room Service" ist eine Sammlung - aber von was? Reportagen? Essays? Short stories? Interviews?

Reiseberichten? Charakterstudien? Von alledem, glaube ich und gerade darum ist es so informativ, so packend und ergreifend.

Swartz ist ein Dichter, das spürt man von der ersten Seite an, und zwar ein sehr sensibler und gescheiter, der sparsam umgeht mit seinen Worten - und doch Bilder erstehen läßt von großer Eindringlichkeit und Szenen, die lange im Hirn, und im Herzen, haften bleiben. Aber ebenso spürt man den gelernten Journalisten mit dem Auge für das Wesentliche, und in der Tat arbeitet er als Korrespondent für Svenska Dagbladet in Stockholm, Bereich: das Geschehen zwischen der Elbe und der Grenze der ehemaligen Sowjetunion.

Seine Berichte waren nicht nur lebendiger, sondern zumeist auch zuverlässiger als die, welche man anderswo zu lesen bekam. Hier ist nun die literarische Ernte aus dreißig Jahren gesammelt, die neben den täglichen Nachrichten und Analysen eingebracht wurde.

Diese Jahre umfassen die Zeit der großen Wandlung von eben jenem real existierenden Sozialismus zum ebenso real vorhandenen Kapitalismus - einer Revolution, nicht immer samten, oft durchaus gewaltsam und ganz anders geartet als die von den örtlichen Ideologen stets vorausgesagte. Swartz' Gespräche mit einigen der Revolutionäre der ersten Stunde etwa in Rumänien und seine Gedanken über die Entwicklungsgesetze solcher Revolutionen sind höchst lehrreich und ihre Lektüre ist ein philosophischer Genuß. "Eine Revolution", schreibt Swartz, "hat die Eigenschaft, fast immer die Macht in die Hände jener zu legen, die an ihrer Entstehung nicht beteiligt waren . . . Dagegen kann man nichts tun, auch wenn mancher Revolutionär sich deshalb glücklich schätzen kann, weil es ihm den Kopf rettet, was indessen für einen wahren Revolutionär kein Trost ist, weil er stärker an der Geschichte als an Köpfen interessiert ist, seinem eigenen oder anderen . . ."

Der Frage, zu welchem Zeitpunkt dieser Übergang der Macht von den Revolutionären zu den Nutznießern der Revolution erfolgt, sucht Swartz in mehreren Gesprächen mit Teilnehmern der Revolution in Rumänien auf den Grund zu gehen, mit dem Bischof Laszlo Tökes, mit Ion Iliescu dem neuen Herrscher, mit dem Dichter Mircea Dinescu und mit dem Altkommunisten Silviu Brucan, von dem es im Buch heißt: "Sein ganzes Leben lang hatte Silviu Brucan im Dienst der Revolution gestanden, und er mußte dankbar sein, daß er dieses nicht, wie Trotzki, mit einem Eispickel im Kopf beschlossen hatte." Und dennoch findet Swartz keine Antwort.

Aber immerhin berichtet er, und daraus mag man gewisse Schlüsse ziehen: "Ich erinnere mich an einen irritierten Vaclav Havel, als in Prag auf der leeren Bühne der Laterna Magica, wo die samtene Revolution allabendlich ihre Pressekonferenzen abhielt, plötzlich zwei Wirtschaftswissenschaftler auftauchten. Die beiden hießen Valtr Komarek und Vaclav Klaus. Havel kannte sie kaum, keinen von ihnen hätte man als Dissidenten bezeichnen können. Beide hatten in einem Forschungsinstitut der Akademie der Wissenschaften überwintert, ihre Nase in Papiere gesteckt, und sich mit jener Wirtschaft beschäftigt, die nicht existierte. An jenem Abend hatten sie sich fast selber eingeladen, weil eine Revolution auch über Geld reden muß, und heute führt Klaus, und nicht Havel, die tschechischen Geschäfte."