Im Mai 1991 ersteigerte der Autor und Übersetzer Reinhard Kaiser bei einer Briefmarkenauktion ein Konvolut von Briefen aus den Jahren 1935 bis 1940. Der Absender ist ein jüdischer Geologe namens Rudolf Kaufmann, der 1933 seines Postens an der Universität in Greifswald enthoben worden war und sich zunächst in Bologna als Photograph durchschlug. Dort lernte er, offenbar in einem Photostudio, die Schwedin Ingeborg Magnusson kennen. Auf den Hügeln von San Luca haben sie sich geküßt, und dabei ist etwas geschehen, das sich nur auf dem Hintergrund einer wirksamen Mythologie der absoluten Liebe verstehen läßt: Sie sind einander so tief verbunden, daß selbst eine jahrelange Trennung und ein Leben unter widrigsten Umständen, geprägt von Gefängnis, Gewalt und Krieg, Entbehrung und Flucht am Gefühl, füreinander bestimmt zu sein, nichts ändern können. Die Liebenden haben sich in den sechs Jahren ihrer schriftlichen Liebesvergewisserung ganze dreizehn Tage gesehen. Von diesen Tagen zehren die Briefe und die Seelen bis zum Schluß. Immer wieder werden die Küsse von San Luca aufgerufen, eine Schneelandschaft in Thüringen, "die gezählten Stunden des Beisammenseins". "Mit unserer Liebe allein kommen wir in der jetzigen Zeit doch nicht durch. Und doch, Ingelein, vielleicht sind wir doch zwei glückliche Menschenkinder. Die wenigen Augenblicke, vielleicht wiegen sie die vielen Stunden der Einsamkeit des Lebens auf."

In dem Briefkonvolut befanden sich nur die Briefe Rudolf Kaufmanns nach Schweden. Der andere Teil der Korrespondenz ist verloren.

Kaufmann war von Bologna ins Deutsche Reich zurückgekehrt und überrascht von der Radikalität, mit der die Nazis gegen die Juden vorgingen. Er äußert sich nur sehr indirekt über den barbarischen Alltag in Deutschland. Er fürchtet die Postzensur, aber er will auch die Geliebte nicht verschrecken, verliert nie die Hoffnung, daß sie sich wiedersehen, daß sie zu ihm kommt. Selbst als er wegen einer Affäre mit einer "Arierin" in Coburg, wo er als Turnlehrer in einem jüdischen Internat arbeitet, zu drei Jahren Haft verurteilt wird, gerät die Liebe zur fernen Ingeborg nicht in Gefahr.

Bei der Lektüre der Briefe stellt sich die Erinnerung an literarische Muster von alleine ein. Robert Kaufmann selbst zitiert das Volkslied "Es waren zwei Königskinder", das bekanntlich auf das griechische Epos von Hero und Leander zurückgeht, und vergleicht sich mit dem an der Heimkehr zu Penelope gehinderten Odysseus. Doch sind die Briefe nichts weniger als bildungsgetragene literarische Episteln.

Ihre Sprache ist schlicht, doch in der Insistenz, mit der sie stereotype Liebeserklärungen wiederholen und ihnen Kraft abpressen wollen, mit der sie zugleich banal und magisch das Liebesideal beschwören, sind sie ergreifend.

Reinhard Kaiser hat gut daran getan, aus den losen Fäden keinen Roman zu spinnen. Keine Kunstanstrengung wäre der authentischen Privatheit der Briefe gerecht geworden. Nur wird leider auch nicht recht verständlich, nach welchen Kriterien er Briefe ausgewählt, gekürzt oder auch nur kurz zitiert hat. Durch historische und lebensgeschichtlich informierende Verbindungsstücke hat er zwar einen flüssig zu lesenden, fortlaufenden Text erzeugt, aber man wird den Eindruck nicht los, daß diese Redaktion sich einer Unentschiedenheit verdankt: Einen Roman wollte Kaiser nicht schreiben, einer bloßen Dokumentation der Briefe, versehen mit Vor- oder Nachwort und Anmerkungen, traute er offenbar nicht die emotionale Kraft zu.

So daß der Leser, angerührt von einem Liebesgeschick in barbarischen Zeiten, ob der undurchschaubaren Eingriffe gelegentlich seiner eigenen Ergriffenheit mißtraut. Hinzu kommt die immer knapper werdende Referenz der Briefe auf die Zeitumstände und die reale Situation Rudolf Kaufmanns, der in einen Taumel der Ereignisse hineingerissen wird, die ihn schließlich zum Geologen im Dienste der Sowjetunion machen. Im Stenogrammton, in dem die letzten Monate Rudolf Kaufmanns vergegenwärtigt sind, verliert sich die Intensität der Lebens- und Liebesgeschichte.