WENTORF. - Ein kleiner Ort im Osten Hamburgs, am Sachsenwald idyllisch gelegen, nur wenige Kilometer von Schloß Friedrichsruh und der Gruft entfernt, wo Kanzler Bismarck seine letzte Ruhe gefunden hat. Nach ihm ist eine der beiden Kasernen der kleinen Gemeinde, rund 9000 Einwohner, benannt. Die andere heißt nach zwei Generälen, Graf von Bose und Graf von Bergmann. Jener ein Offizier während der Freiheitskriege, dieser während des 1. Weltkriegs.

Ruhe herrscht hier, auf dem Gelände der beiden Kasernen, seit vor einigen Jahren die Bundesbrigade 16 aufgelöst wurde. Die Kasernen, gebaut in den Dreißigern, beherbergten viele Jahre lang bis zu 3000 Soldaten. Das Verhältnis der Wentorfer zu ihnen war ungewöhnlich gut so gut, daß ein Traditionsverband gegründet wurde, dem jeder beitreten konnte, der sich mit der Bundeswehr verbunden fühlte.

1992 räumten die letzten Soldaten das Areal von nahezu sechzig Hektar, das seitdem auf eine neue Verwendung wartet.

Und sie haben sich viel vorgenommen, die Wentorfer. Denn Größe und Lage der Kaserne mitten im Zentrum des Ortes ermöglichten eine weitreichende Neustrukturierung und natürlich auch eine Aufwertung des Ortes. Geplant ist ein neuer, attraktiver Ortsteil: Wentorf-Süd soll 2500 neuen Bürgern Lebensraum bieten - und der Gemeinde die Chance, endlich Stadt zu werden.

Ein so großes Projekt kann die kleine Gemeinde nicht alleine stemmen.

Das Vorhaben sucht in Schleswig-Holstein seinesgleichen, und die Wentorfer, sich ihrer Vorbildfunktion bewußt, ließen sich nicht lumpen. In der Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) Schleswig-Holstein, damals noch Wobau, fand der rührige Bürgermeister einen Entwicklungsträger für den kommunalen Bereich. Man tat sich zusammen, und im Juli dieses Jahres erwarb die LEG für 34 Millionen Mark das Kasernengelände von der Bundesrepublik. Jetzt werden Investoren gesucht die Erschließung wird etwa hundert Millionen kosten. Die LEG ließ prüfen: Ein Umbau der Kasernen für den sozialen Wohnungsbau oder für Miet- und Eigentumswohnungen wäre teurer als ein Abriß und Neubau.

Seit Sommer 1994 wurde hin und her überlegt, und es fanden auch Gespräche mit den Denkmalschützern statt. Denn von Anfang an hatten diese klargemacht, daß ihnen an der Erhaltung bestimmter Gebäude gelegen sei, die sie als Dokumente ihrer Bauzeit mit "expressionistischen Gestaltungsmerkmalen" betrachten. Die roten Wentorfschen Backsteinkasernen seien typisch für den Kasernenbau der zwanziger/dreißiger Jahre, der örtliche Bautradition und Materialien zu berücksichtigen hatte von ursprünglich nahezu 500 Kasernen der Wehrmacht seien zudem nur noch wenige erhalten, erläutert Hans-Michael Hansberg, Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde des Kreises Herzogtum Lauenburg.