Ilse Aichinger wird 75: Ein ZEIT-Gespräch mit der österreichischen Schriftstellerin

ZEIT: Mit 27 Jahren haben Sie Ihren Roman "Die größere Hoffnung" veröffentlicht. Danach kurze Erzählungen, Hörspiele, Gedichte. Zuletzt nur noch Sätze. Der letzte veröffentlichte Satz ist: "Zum Kranklachen wäre alles, wenn es nicht zum Totlachen wäre." Das war 1985, seitdem beinahe nichts mehr. Was ist geschehen?

ILSE AICHINGER: Ich habe das seit jeher für einen sehr schwierigen Beruf gehalten. Und ich wollte nie Schriftstellerin werden. Ich wollte Ärztin werden, das ist gescheitert an meiner Ungeschicklichkeit. Ich wollte zunächst eigentlich nur einen Bericht über die Kriegszeit schreiben. An ein Buch habe ich gar nicht gedacht, ich wollte nur alles so genau wie möglich festhalten. Als das Buch dann bei Fischer erschienen ist, stand noch immer viel zuviel drin. Ich wollte am liebsten alles in einem Satz sagen, nicht in zwanzig.

ZEIT: Nur einen Satz über den Krieg?

ILSE AICHINGER: Der Krieg war meine glücklichste Zeit. Der Krieg war hilfreich für mich. Was ich da mitangesehen habe, war für mich das Wichtigste im Leben. Die Kriegszeit war voller Hoffnung. Man wußte sehr genau, wo Freunde sind und wo nicht, was man in Wien heute nicht mehr weiß. Der Krieg hat die Dinge geklärt.

ZEIT: Liegt es also am Frieden, daß Sie kaum noch schreiben?

ILSE AICHINGER: Ich kann mich nicht einfach hinsetzen um acht Uhr früh und denken, jetzt schreib' ich. Ich muß nicht schreiben. Und gar nicht darüber nachdenken.

Ilse Aichinger wird 75: Ein ZEIT-Gespräch mit der österreichischen Schriftstellerin

ZEIT: Langweilen Sie sich?

ILSE AICHINGER: Natürlich. Das kann tödlich sein. Aber Schreiben hängt mit dem Tod zusammen. Ob es tödliche Langeweile ist oder eine andere Form des Sterbens . . . Außerdem gehe ich gerne ins Kino.

ZEIT: Aus Langeweile?

ILSE AICHINGER: Das Kino ist eine Form des Verschwindens. Man taucht ins Dunkel, man ist unsichtbar. Ich hatte schon als Kind den Wunsch zu verschwinden. Das war mein erster leidenschaftlicher Wunsch. Ich erinnere mich kaum an etwas anderes außer an diesen wahnsinnigen Wunsch. Der Wunsch ist noch immer da. Ich habe es immer als eine Zumutung empfunden, daß man nicht gefragt wird, ob man auf die Welt kommen will. Ich hätte es bestimmt abgelehnt.

ZEIT: Warum?

ILSE AICHINGER: Was man an Leiden mitansehen muß. Die Ungerechtigkeiten, die, abgesehen von aller Politik, allein in der Biologie sind. Ich bin ein identischer Zwilling, der ältere, der lebenskräftigere, wir hatten beide schwere Krankheiten, aber meine Schwester war dem Tod immer näher. Der Stauffenberg hatte auch einen identischen Zwilling, aber der ist bei der Geburt gestorben.

ZEIT: Das Leben als Zwilling ist noch ungerechter als das Leben ohnehin?

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ILSE AICHINGER: Man begreift dabei, daß die ganze Biologie eine terroristische Überlebensstrategie ist, der man eigentlich gar nicht gewachsen sein möchte. Man wird nicht gefragt. Man wird auch nicht gefragt, ob man sterben will. Ich will tot sein, aber sterben möchte ich auch nicht, weil ich einige Male mitangesehen habe, wie lange das dauern kann. Diese Zumutungen, nicht nur an mich, sondern an jeden, der lebt. Aber zu meinem Erstaunen sind die meisten Menschen vollkommen einverstanden.

ZEIT: Mit dem Leben?

ILSE AICHINGER: Jeder möchte genau der sein, der er ist. Keiner kommt auf die Idee, daß er jemand anderer sein möchte oder gar nicht sein möchte.

ZEIT: Den Frauen wird sonst immer nachgesagt, daß sie das Leben bewahren wollen.

ILSE AICHINGER: Wenn die Mädchen damals auf dem Gymnasium sagten, ich studiere nicht, ich heirate sowieso, war ich empört, wie die sich definieren. Das ist doch furchtbar, dieses Die-Welt-in-Trab-Halten.

ZEIT: Sie haben die Welt mit zwei Kindern in Trab gehalten.

ILSE AICHINGER: Ich hab' immer eine große Beziehung zum Nordosten gehabt, den ich nie gesehen habe. Ich wollte nie nach Italien, nach Frankreich. Ostpreußen, das Baltikum, das hat mich wahnsinnig angezogen, die Schweigsamkeit des Nordostens. Wenn ich nicht durch Zufall jemand kennengelernt hätte, der aus dem Nordosten war und sehr schweigsam, jemand, der sich nicht wie alle anderen kritisch geäußert hat oder kaum . . . Der Nordosten ist mein Schicksal geworden.

Ilse Aichinger wird 75: Ein ZEIT-Gespräch mit der österreichischen Schriftstellerin

ZEIT: Neugeborene Kinder strahlen vor Glück und Lebensfreude. Das erste im Leben ist Glück.

ILSE AICHINGER: Die müssen älter werden. Und es gibt zu viele. Was geschieht? Im Augenblick ist doch die Karriere das wichtigste. Keine Karriere machen ist eine Art des Sterbens.

ZEIT: Sie haben als Halbjüdin im Krieg mit ihrer jüdischen Mutter in einem kleinen Zimmer in Wien notdürftig überlebt. Ihre Großmutter wurde deportiert und kam um. Später schrieben Sie: "Man überlebt nicht alles, was man überlebt." Was haben Sie nicht überlebt?

ILSE AICHINGER: Den Anblick meiner Großmutter im Viehwagen auf der Schwedenbrücke in Wien. Und die Leute um mich herum, die mit einem gewissen Vergnügen zugesehen haben. Ich war sehr jung und hatte die Gewißheit, daß meine Großmutter, die mir der liebste Mensch auf der Welt war, zurückkommt. Dann war der Krieg zu Ende, der Wohlstand brach aus, und die Leute sind an einem vorbeigeschossen. Das war noch schlimmer als der Krieg.

ZEIT: Die Zeiten heute sind schrecklicher als damals?

ILSE AICHINGER: Undeutlicher. Und das macht es schlimmer. Ich liebe Augenblicke der Verdeutlichung. Die sind in Wien so selten, diese Freundlichkeit, dieses Küß-die-Hand, man weiß nie, was dahintersteht.

ZEIT: Unfreundlichkeit ist Ihnen lieber?

Ilse Aichinger wird 75: Ein ZEIT-Gespräch mit der österreichischen Schriftstellerin

ILSE AICHINGER: Ja. Man kennt sich aus.

ZEIT: In Ihrem Roman "Die größere Hoffnung" besteht die größere Hoffnung vor allem darin, daß die Leiden des Menschen nicht vergeblich sind, daß die Opfer belohnt werden.

ILSE AICHINGER: Diese Hoffnung ist im Krieg immer stärker geworden. Es war wie ein Triumph. Inzwischen bin ich anarchistischer und nihilistischer geworden. Es gibt nur noch eines, woran ich glaube. Das ist die Präsenz der Menschen, manchmal auch der Tiere.

ZEIT: Was ist das?

ILSE AICHINGER: Ich habe einmal ein Gespräch mit einem fremden Menschen abgebrochen und bin weggegangen, weil ich zu müde war. Heinrich Böll war dabei, und ich sagte zu ihm: "Ich habe diesem Herrn nicht gute Nacht gesagt", und habe ihn gebeten, es für mich zu tun. Und Böll sagte: "Der ist nicht existent, dem muß niemand gute Nacht sagen." Existent und nicht existent, das war ein genialer Ausdruck. Dieses Existentsein, ob man schon lebt oder tot ist, ob man schon da war oder nie da war, das ist für mich ein Begriff.

ZEIT: Es gibt lebende Menschen, die nicht existent sind?

ILSE AICHINGER: Die meisten. Aber sie könnten es sein. Es ist natürlich komplizierter, schwieriger, es fordert eine gewisse Askese, existent zu sein. Vor allem eines ist nötig, es zu merken, daß man nicht existent ist. Denn jeder ist bis zu einem gewissen Grad nicht existent. Mit dieser Nichtexistenz zu leben, das ist die einzige Askese, die heute möglich ist.

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ZEIT: Askese?

ILSE AICHINGER: Verzicht. Ich habe gelernt, daß die Wünsche das wichtigste sind. Und daß erfüllte Wünsche ein Unglück sind. Es ist extrem schwierig, ohne unerfüllte Wünsche zu leben.

ZEIT: Sehen Sie den Menschen ihre Existenz oder Nichtexistenz auf den ersten Blick an?

ILSE AICHINGER: Oft.

ZEIT: Auch hier im Café Imperial?

ILSE AICHINGER: Hier besonders. Selbst wenn ich nur den Rücken sehe, die Art zu sprechen oder zuzuhören. Das gibt es heute nicht mehr, heute sprechen immer alle gleichzeitig. Es ist zu Ende.

ZEIT: Und die Toten, die Opfer? Die Hoffnung, daß ihre Leiden nicht sinnlos waren, ist verloren?

Ilse Aichinger wird 75: Ein ZEIT-Gespräch mit der österreichischen Schriftstellerin

ILSE AICHINGER: Sie werden präsent bleiben. Ich glaube an die Präsenz der Lebenden und der Toten. Ich weiß nicht, ob sie wirklich erreichbar sind. Aber ich spüre eine Präsenz. Sophie und Hans Scholl zum Beispiel, daß diese beiden präsent sind, das spüre ich immer. Das gehört zu den wenigen beruhigenden Dingen, die es gibt.

ZEIT: Mit der größeren Hoffnung ist etwas Entscheidendes aus der Welt verschwunden. Die jungen Autoren heute schreiben nicht mehr wie Ihre Generation nach der Katastrophe, sie schreiben ohne Katastrophe.

ILSE AICHINGER: Heute muß man sich zunächst einmal klarmachen, was es für eine Katastrophe ist, ohne Katastrophe zu leben. Daß das Leben, das ich an sich für eine Katastrophe halte, nicht deutlich wird. Man hat das Gefühl, die Umwelt ist undeutlich und man selbst wird undeutlich. Man sieht seinen eigenen Umriß nicht mehr. Auch die Umrisse des Elends sieht man nicht mehr. Sich das klarzumachen ist sehr schwer. Man wird sofort ein Außenseiter. Den Jungen heute - aber man kennt sie ja nicht, es sind ja die Anonymen -, man müßte ihnen sagen, es ist dein Genie, zu bemerken, daß du nichts bist. Die Undeutlichkeit klarzumachen, dazu muß man sehr viel genialer sein, als Zustände eines Weltkrieges klar- und deutlich zu machen. Aber die größte Begabung ist doch die, auf der Welt sein zu können. Es auszuhalten, mit einem gewissen Frohsinn.

ZEIT: Sie meinen, die größte Begabung ist die, sich nicht umzubringen?

ILSE AICHINGER: Ja. Zum Sichumbringen gehört wiederum eine gewisse manuelle Begabung. Man denkt sich vor allem, ich habe ein Recht darauf. Es ist kein besonderes Recht, doch wenigstens dieses Recht möchte man haben.

ZEIT: Was sollen die jungen Autoren heute machen?

ILSE AICHINGER: Sich klarmachen, worin die Notwendigkeit liegt. Vor allem, einen anderen Beruf haben. Schreiben ist kein Beruf. Heute nicht mehr. Die Sprache ist zersplittert, das müßte man doch wissen. Robert Musil hat das vollkommen durchschaut. Aber die meisten schreiben rasch chronologisch und unaufmerksam vor sich hin. Sich als Autor allein zu definieren, ist heute nicht mehr möglich. Egal ob man Installateur, Krankenpfleger oder im Büro ist. Das ist noch eine andere Welt, auch wenn sie einen anödet. Wenn mich jemand nach meinem Beruf fragt, sage ich "privat".

Ilse Aichinger wird 75: Ein ZEIT-Gespräch mit der österreichischen Schriftstellerin

ZEIT: Was ist für Sie in der Gegenwart das größte Leid?

ILSE AICHINGER: Die Verlassenheit der Kranken, der Krebskranken, der Schizophrenen, das Allgemeine Krankenhaus in Wien. Niemand hat Anteilnahme, denn Anteil nehmen heißt ja, sich vorzustellen, ich hab' das auch. Die Menschen haben kein Bedürfnis mehr, Erfahrungen zu machen.

ZEIT: Was täten Sie, wären Sie heute 28 Jahre alt?

ILSE AICHINGER: Philosophie studieren und daneben etwas tun, was helfen kann, sei es psychisch oder einfach jemandem zuhören.

ZEIT: Warum Philosophie?

ILSE AICHINGER: Um die Begründung der Existenz zu erfahren.

ZEIT: Die Antwort auf die Frage, warum sind wir?

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ILSE AICHINGER: Ja.

ZEIT: Wissen Sie das nicht schon längst?

ILSE AICHINGER: Ich möchte es nachlesen, schwarz auf weiß.

ZEIT: Sie haben immer wieder gesagt, daß das Schweigen das ist, worauf alle Worte, die sie schreiben, zulaufen. Daß man sich selber und der Welt am besten Schweigen auferlegen sollte.

ILSE AICHINGER: Auch wenn man spricht, die Währung müßte gedeckt sein durch Stille. Früher hatte man dieses altmodische Wort Betrachtung, das meint: genau hinschauen und lange hinschauen. Immer durch dieselben Straßen gehen und warten, bis man etwas entdeckt. Ich bin nicht für Abwechslung. Ich reise nicht gerne. Betrachtung ist für mich ein äußerst wichtiges Wort. Zu Beginn mag es langweilig sein, weil man es nicht beherrscht. Später kann man erfahren, daß Geist in der Welt ist. Immer die gleiche kleine Menge.

ZEIT: Das Schweigen war auch Teil eines literarischen Protestes Ihrer Generation. Es sollte Mißtrauen ausdrücken, dem "bleichen Bürger" die Klischees aus dem Maul reißen, sollte aufklären, aufrütteln. Es war eine ästhetische Revolte, die es nicht nur in Deutschland gab. Während Sie an Ihrem Text "Aufruf zum Mißtrauen" schrieben, veröffentlichte Nathalie Sarraute in Paris ihre Aufsatzsammlung "Zeitalter des Mißtrauens". Man war überfüttert mit Worten und Zusammenhängen und reagierte darauf, mit Schweigen, mit der Negation jedes Zusammenhangs. Heute leidet der Autor eher an Unterernährung. Er sieht nirgends Zusammenhänge.

ILSE AICHINGER: Das Leiden dieser Zeit ist die Zusammenhanglosigkeit, auch der Familien. Man merkt es auch an den Bauten. Es ist eine schwache Zeit. Aber man kann nicht einfach drauflosschreiben und künstlich Zusammenhänge herstellen. Die Möglichkeit, im Zusammenhang zu schreiben, kommt sicher wieder. Im Augenblick kann man nur genau begreifen, daß keine Zusammenhänge da sind und daß alles von jedem einzelnen abhängt, von der Zuwendung jedes einzelnen zu fremden Schicksalen - das klingt jetzt etwas wie eine Heilsbotschaft.

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ZEIT: Wenn Sie heute zu schreiben anfingen, wie würden Sie schreiben?

ILSE AICHINGER: Berichte schreiben, nichts Erfundenes. Genau sein. Kleine Dinge beobachten, Details. Punkte. Das Schreiben müßte punktueller sein. Ich wäre froh, wenn ich etwas schreiben könnte, das deutlich macht, daß diese Welt hilfsbedürftig ist.

ZEIT: Keine Revolution der Sprache?

ILSE AICHINGER: Das ist sehr schwer. Man ertappt sich oft selbst dabei, Banalitäten zu sagen. Es ist schon falsch, zu jemandem zu sagen: "Wie geht es Ihnen", wenn man es nicht wirklich wissen will. Und wer will wirklich wissen, wie es dem anderen genau geht? Und wer will wirklich sagen, wie es ihm genau geht, oder wer kann es? Da sind die Engländer exakter, indem sie auf ZEIT:"How do you do?" dasselbe antworten.

ZEIT: Kein Engagement der Dichtung?

ILSE AICHINGER: Es gibt ganz dringende Dinge, die man tun muß. Und das ist nicht zuerst das Schreiben.

ZEIT: Das wäre doch die Hölle, ins Leben eingesperrt zu sein, ohne gute Bücher.

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ILSE AICHINGER: Ich brauche sie auch. Ich lese immer wieder Joseph Conrad. Obwohl mich weder die Gegenden noch die Handlungen seiner Romane im geringsten interessieren. Aber es ist für mich eine solche Faszination, daß da kein einziger unnützer Satz steht. Bei den Neueren ist es Josef Winkler. Es ist eine unglaubliche, fast fanatische Genauigkeit in seinem Werk.

ZEIT: Die Nachkriegsbücher sind in gewisser Weise wirklich in literarischen Ruinen geschrieben worden. Was Sie, was Günter Eich, Ingeborg Bachmann oder Wolfgang Koeppen geschrieben haben, hatte es in deutscher Sprache noch nie gegeben. Nun sind beinahe alle Autoren dieser Generation gestorben. Sehen Sie irgendwo Enkel? Jemand, der diese Literatur weiterschreibt?

ILSE AICHINGER: Vielleicht gibt es irgendwo im verborgenen Existenzen, die es nicht wagen, die gar nicht bedenken, daß sie es eigentlich könnten.

ZEIT: Der literarische Raum, in dem sie aufgewachsen sind, ist weg. Galizien als Schreibland, als Kulturland ist Geschichte.

ILSE AICHINGER: Beim Überfall Hitlers hat mich eine wahnsinnige Traurigkeit ergriffen, weil ich das Gefühl hatte, es gibt Österreich nicht mehr. Da war ich ja doch zu Hause, nicht in dem Staat, in dem Land, sondern, beinahe hätte ich gesagt, in der Befindlichkeit, doch das ist ein schlechtes Wort. In dem geistigen Raum.

ZEIT:Und der ist nicht der alpenländische, katholische Dark room von Elfriede Jelinek?

ILSE AICHINGER: Sie will mehr verändern. Und glaubt daran. Sie ist auch jünger. Und sie hat recht. Ich glaube, daß Elfriede Jelinek bereit ist, für das einzustehen, was sie schreibt.

Ilse Aichinger wird 75: Ein ZEIT-Gespräch mit der österreichischen Schriftstellerin

ZEIT: Elfriede Jelinek, aber auch Ingeborg Bachmann schreiben über das Frausein, über die Wunde Frau . . .

ILSE AICHINGER: Ach, die Bachmann! Das ist so feminin, so ungeheuer ergeben. Sie kommt überhaupt nicht auf die Idee, daß es auch biologische Revolte, Anarchie gibt.

ZEIT: Sie haben nie über die Leiden des Frauenlebens geschrieben.

ILSE AICHINGER: Aber ich habe immer empfunden, daß Frauen benachteiligt sind von der Natur.

ZEIT: Warum?

ILSE AICHINGER: Weil sie Kinder bekommen zum Beispiel.

ZEIT: Das könnte man auch als Vorteil betrachten.

Ilse Aichinger wird 75: Ein ZEIT-Gespräch mit der österreichischen Schriftstellerin

ILSE AICHINGER: Ich finde, daß die Geburtswehen kein Vorteil sind. Das ist biologisch ganz ungerecht. Wieso haben die Männer keine Schmerzen? Selbst die Kühe werden ununterbrochen gequält mit diesen mechanischen Maschinen, die Ochsen nicht. Es könnte alles ganz anders sein. Und alle nehmen es hin, als wär' es die einzige Möglichkeit. Ich hatte diese biologische Anarchie schon als Kind. Ich wollte nie ein Frauenleben führen, allerdings als die Kinder dann da waren, war ich glücklich mit ihnen.

ZEIT: Sie waren 19 Jahre mit Günter Eich verheiratet und sind jetzt 24 Jahre allein. Fühlen Sie sich unvollständig?

ILSE AICHINGER: Nein. Mein Mann gehört zu diesen Präsenzen, die nicht weggehen.

ZEIT: Gibt es das: den einen Menschen, der der einzig richtige ist und kein anderer?

ILSE AICHINGER: Ich hätte keinesfalls jemand anderen geheiratet, nur um zu heiraten. Es war eigentlich eine Gegenaktion gegen mich selbst. Und ich habe es mir auch immer eine Spur übelgenommen. Aber ich habe es nicht bereut.

ZEIT: "Die äußerste Liebe ist die äußerste Einsamkeit", haben Sie geschrieben. War das so?

ILSE AICHINGER: So fremd wie das, was man liebt, kann das Ungeliebte nie werden. Es muß extrem sein, sonst ist es banal.

Ilse Aichinger wird 75: Ein ZEIT-Gespräch mit der österreichischen Schriftstellerin

ZEIT: Sie werden jetzt 75 Jahre alt. Was sind die wichtigsten Erinnerungen, die Ihnen aus diesem langen Leben geblieben sind?

ILSE AICHINGER: Es gibt Punkte, die da sind, viel mehr als die Gegenwart. Der Geruch von Weihrauch, gemischt mit Seifenlauge, mit der man die Steinböden in meiner Klosterschule aufgewischt hat. Den rieche ich, obwohl er nirgends mehr ist. Dann dieser Rauchgeruch, dieser Slumgeruch in England. Oder der Geruch von Baldriantropfen in alten Wohnungen. Und gewisse Nebeltage, wenn der Nebel so dicht wird, daß man den Blinden nachgehen muß, denn die gehen richtig.

ZEIT: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

ILSE AICHINGER: Daß meine Zukunft nicht mehr zu lange dauert.