Günther Jauch ahnt es schon, daß er "den Kopf dafür hinzuhalten hat". Aber er weiß noch nicht, wie. Klar ist ihm nur so viel: "In dieser Zeit trug ich die publizistische Verantwortung für das, was bei stern-TV gesendet wurde." Gemeint ist die Zeit von September 1992 bis September 1994, als der heute vierzigjährige Jauch zusätzlich zu seiner Moderatorentätigkeit auch als Chefredakteur eingesprungen war. Zwei Jahre, in denen der Filmfälscher Michael Born die meisten jener 21 Fälschungen, wegen denen er jetzt des Betrugs und anderer Delikte vor dem Landgericht Koblenz angeklagt ist, bei "stern-TV" unterbringen konnte. Auf 350 000 Mark Honorarsumme wird der Schaden beziffert - als ob das Programm nicht weitergelaufen wäre wie gehabt, als ob die zwischengeschaltete Werbezeit plötzlich unverkäuflich gewesen wäre.

Als Zeuge war Jauch nach Koblenz geladen. Dort gab er sich als Hiwi ohne Herrschaftswissen: "Ich bin im Grunde genommen nie in einem Schneideraum drin gewesen." Das sagte einer der erfahrensten und umtriebigsten Fernsehjournalisten. Als er "stern-TV" vorstand, moderierte Jauch außerdem das "Aktuelle Sportstudio" im ZDF und diente dem Berliner Rundfunk als "Programmkoordinator". Neben den paar Tagen, die er für "stern-TV" übrig hatte, war noch Zeit genug, um in Frankfurt am Main mit launigen Publikumsveranstaltungen Jürgen Schneider bei der Eröffnung von dessen "Zeilgalerie" zu helfen.

Und in Köln bei "stern-TV" nur moderierender Frühstücksdirektor? "Wenn ich moderiere", gab Jauch zu Protokoll, sei er "unter einem solchen Druck" - daß er sich um das "Alltagsgeschäft" nicht kümmern könne. Darüber, wie er als Chefredakteur die journalistische Sorgfaltspflicht wahrgenommen habe, offenbarte er dies: "Man achtet in erster Linie darauf, ob eine Geschichte stimmig ist." Das bedeute aber nicht, daß man prüfe, ob sie stimmt, sondern nur, ob der Zuschauer der "Geschichte" auch folgen kann.

In Rede standen auch die kleineren und größeren Manipulationen, deren sich der alltägliche Fernsehjournalismus bedient, wenn es mal wieder heißt: "Irgendwo fehlte ein Bild" (so ein anderer Zeuge). Wenn TV-Reporter einen Staatssekretär bei der Arbeit zeigen wollten, dann werde er halt animiert, doch mal bitte vor laufender Kamera so zu tun, als ob er telephoniere oder eifrig in Akten krame. Derart gestellte Szenen hält Jauch für zulässig.

Als aber Born in einem Film über Kinderarbeit für Ikea angeblich ausgebeutete Kinder an einem Webstuhl zeigte und ein Gutachter "stern-TV" hinterher bescheinigte, die kleinen Sklaven hätten nur getan, als ob, da war selbst für Günther Jauch, der zuvor kaum je "mit den Einzelheiten befaßt" und dem bei jeder Filmabnahme "nichts aufgefallen" war, "der Wendepunkt erreicht" - Born wurde (bis auf eine Ausnahme) nicht mehr weiterbeschäftigt. Wo der Unterschied zum nachgestellten Telephonieren liegt, wurde der Zeuge nicht mehr gefragt.

Den Angeklagten würdigte Jauch in Koblenz kaum eines Blickes. "Zwiespältig" sei dessen Ruf gewesen: "notorische Unzuverlässigkeit" und "nicht der größte Texter". Dennoch habe er ihn nicht mit besonderer Skepsis beobachtet, denn: "Wir bringen unseren Autoren ja auch ein Vertrauen entgegen." Und wenn der frühere Chefredakteur zur Endabnahme kam, dann erwartete er von seinen Redakteuren und CvDs "prinzipielle Verifikation". War aber nicht, also doch: Vertrauen ist gut, Kontrolle besser?