Vor jedem kann man Geheimnisse haben, nur nicht vor dem Steuerberater . Der weiß alles. Er kennt die Einkünfte und Ausgaben, die Tricks und die Nöte jedes einzelnen seiner vielen Kunden. Wenn aber einer schon alles über so viele weiß, was wissen dann alle Steuerberater über alle? 35 556 Steuerberater haben ihr Ohr am deutschen Mittelstand, und ihre Genossenschaft, die Datev, sammelt alle anfallenden Daten und verarbeitet sie mit großmächtigen Rechnern. Nur so sind die Vertracktheiten des deutschen Steuersystems zu meistern.

Zahllose kleinere Betriebe und Freiberufler wären ohne die Datev (die "Datenverarbeitungsorganisation des steuerberatenden Berufes in der Bundesrepublik Deutschland") verloren. Sie fertigt ihnen die Steuererklärungen an, vielfach auch die Lohn- und Gehaltsabrechnungen. Knapp acht Millionen solcher Abrechnungen verlassen jeden Monat das Rechenzentrum der Genossenschaft in Nürnberg. Dazu jährlich drei Millionen Einkommensteuererklärungen, nicht gerechnet diejenigen, die auf den PCs in den Steuerpraxen vor Ort entstehen. Was könnte dieser Branche verborgen bleiben im deutschen Wirtschaftsleben?

In der Nürnberger Zentrale sind 4700 Angestellte und drei Großrechner aufgeboten. Rund um die Uhr schaufeln sie Mandantendaten; in ihren Speichern haben sich inzwischen aberwitzige 31 100 Gigabyte angesammelt. Wer die Gesamtmenge dieser Datenbestände analysieren könnte, dürfte ein genaueres Bild von der Finanzlage der BRD erhalten als Regierung und Steuerbehörden. Bisher ist dieser Schatz allerdings auf verschiedene Datenbanken verteilt; der Zugriff auf alles zugleich ist so gut wie unmöglich.

Das soll sich ändern. Dieter Kempf, der neue Vorsitzende der Datev, hat sich in den Kopf gesetzt, eine gigantische Superdatenbank aufzubauen. Sie soll die komplette Ökonomie der Bundesrepublik abbilden, bereichert um die Statistiken der deutschen Finanzämter und die Trenddaten der Nachbarstaaten. Die ganze Verschrobenheit des deutschen Steuerrechts soll ebenfalls wohldokumentiert darin Platz finden. Da käme wahrlich was zusammen: Siebzig Prozent der weltweit anfallenden Steuerliteratur werden auf deutsch veröffentlicht.

Das alles will Kempf dem einfachen Genossen übers Internet zugänglich machen . Der kann dort dann die neuesten Entscheidungen zum Steuerrecht abfragen. Und auf Knopfdruck startet die Superdatenbank einen Suchlauf durch die Weiten ihrer Wissensspeicher und zeigt genau die Mandanten des Steuerberaters an, die von den Änderungen betroffen sind.

Schon jetzt können die Berater auf eine enorme Wissensbasis zurückgreifen. Die 63 imaginären "Datev-Musterbetriebe" beispielsweise, die mit den anonymisierten Daten von branchengleichen Mandanten aus der ganzen Republik gefüttert werden, geben jederzeit Auskunft über der Lage der beobachteten Branchen - nach Meinung vieler Wirtschaftsprüfer genauer und aktueller als die Daten der großen Beratungsgesellschaften, von denen der Finanzbehörden ganz zu schweigen.