Manche Leute glauben immer noch, das närrische Treiben breche erst am kommenden Montag um 11.11 Uhr los. In Wirklichkeit sind wir schon lange mittendrin. Ideenreichen Reiseveranstaltern ist es zu danken, daß seit September zwischen Weissenhäuser Strand und Winterberg, zwischen Rügen und Rüdesheim der organisierte Frohsinn tobt.

Dann hauen Kegelklubs ihre Kassen auf den Kopf, entern freiwillige Feuerwehren einschlägige Verkehrsmittel wie den "Bierexpress durch's Weserbergland" oder legen trinkfeste Bildungsurlauber in Wittmund das "Ostfriesen-Abitur" ab.

Wo immer diese Wochenendtouren auch hinführen, ihr Tag- und Nachtablauf ist ziemlich präzise festgelegt: freitags feuchtfröhliche Anreise im Tanzzug, anschließend feuchtfröhliche Tanzparty bis zum Sonnenaufgang, samstags feuchtfröhlicher Frühschoppen, dann feuchtfröhliche Gelände- oder Geschicklichkeitsspiele, abends feuchtfröhliches Galakonzert mit Cindy und Bert oder Tony Marshall, sonntags Frühschoppen und feuchtfröhliche Heimreise im Tanzzug.

Wer an allen Programmpunkten gewissenhaft und engagiert teilnimmt, wird am Montag danach mit einiger Sicherheit auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall angewiesen sein. Die Kataloge der Veranstalter beschreiben diese Nebenwirkungen nicht immer ganz präzise, andere Programmpunkte dafür um so genauer: Für ihre "Supersause durch Cochem" kündigt die Firma Hafermann das Motto "Wein, Weib und Gesang" an.

Die "Tollen Müller Touren" schicken ihren Tanzzug sogar mit einem aufklärerischen Auftrag gen Osten: "Zeigen Sie den Mecklenburgern mal, wie so eine Sambasause funktioniert." Die Erfahrung lehrt allerdings, daß die passioniertesten unter den Sambatänzern schon bei der Ankunft am Zielort nicht mehr genau wissen, wie der aufrechte Gang funktioniert.

Die touristische Frohsinnsindustrie deckt inzwischen auch kleinste Marktnischen ab: Wolters Reisen lockt zum "Kuschelrock-Weekend" samt Karaoke-Wettbewerb ins Ostseebad Damp, völkerkundlich interessierte Urlauber werden sich eher für die "Apachenparty" am Kalkberg von Bad Segeberg oder die "karibische Nacht" im niederländischen Nordwijk entscheiden, wo zur vorübergehenden Ausnüchterung ein "Bummel zwischen Matjes und Meisjes auf der Strandpromenade" dringend zu empfehlen ist.

Ameropa bricht eine Lanze für die junge Generation und hat dafür sogar eine Fremdsprache gelernt. Wer zur "megastarken Twen-Fete" Richtung Ostsee aufbricht, den erwarten Höchstwerte auf der nach oben offenen Heiterkeitsskala: Die Atmosphäre sei "einfach groovy", denn eine Wasserrutsche und der Wildwasserkanal "machen echt Fun.