Es wächst zusammen, was zusammengehört, diesmal auf dem ganzen Kontinent: Die Kluft zwischen reichen und armen Ländern schließt sich, Europas Nachzügler holen auf. Iren, Griechen, Spanier und Portugiesen - die Bürger in den vier ärmsten Mitgliedsstaaten konnten ihr Pro-Kopf-Einkommen deutlich steigern: von 66 Prozent des EG-Durchschnitts 1983 auf 76 Prozent im Jahre 1993. Eine gute Nachricht über den Wohlstand der Nationen, immerhin.

Die schlechte Nachricht: Die Staaten rücken wirtschaftlich zwar enger zusammen, dafür haben aber die sozialen Spannungen im Inneren zugenommen. Gräben öffnen sich zwischen Managern in den Metropolen und Kleinbauern im Hinterland, zwischen wohlsituierten Angestellten in Glaspalästen und Tagelöhnern in Vorstadthütten. Die alarmierende Botschaft: 18 Millionen EU-Bürger sind ohne Arbeit, jeder neunte sucht einen Job.

"Die Angst vor Sozialabbau, Arbeitslosigkeit und Armut droht unsere Gesellschaften zu spalten", sagt Monika Wulf-Mathies. Die EU-Kommissarin für Regionalpolitik fürchtet gar um das Vertrauen der Bürger in die Demokratie, wenn Europa sich nicht um die Probleme kümmert, die den Menschen am meisten auf den Nägeln brennen. Diese Woche veröffentlichte die deutsche Sozialdemokratin ihren "Ersten Bericht über die Fortschritte bei der Verwirklichung des wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalts", in Brüssel kurz Kohäsionsbericht genannt. Der Titel des 130-Seiten-Papiers verspricht, was die Analyse nicht verheißen kann: Zusammenhalt. Richtiger wäre: Bericht zur elenden Lage der Union.

Die Schaffung von Arbeitsplätzen, sagt Frau Wulf-Mathies, habe in der EU "erste Priorität". Jobs, Jobs, Jobs - sonst stehe "das europäische Gesellschaftsmodell auf dem Spiel". Seit 1980 verloren fünf Millionen Europäer in der Landwirtschaft und acht Millionen in der Industrie ihr Einkommen. Ihnen und den neu auf den Arbeitsmarkt strömenden EU-Bürgern ein neues Auskommen zu verschaffen, dazu reichten die 18 Millionen neuen Jobs im Dienstleistungssektor nicht aus. In den Vereinigten Staaten gab es derweil 22 Millionen neue Jobs, netto viermal soviel wie in der EU. In der Alten Welt sucht jeder zweite Arbeitslose länger als ein Jahr vergeblich nach Anstellung, während dieses Los sozialer Ausgrenzung nur jeden achten arbeitslosen Amerikaner trifft.

Der rauhbeinige Yankee-Kapitalismus, das räumt der EU-Report ein, hat mehr Gleichgewicht geschaffen als Europas soziale Marktwirtschaft: So ist das Gefälle zwischen den amerikanischen Bundesstaaten weniger als halb so groß wie die Kluft zwischen vergleichbaren EU-Regionen.

Sicher, auch Europa hat seine Wachstumspole unter den reichsten zehn Regionen finden sich neben fünf westdeutschen Ballungsräumen (Hamburg, Darmstadt, Oberbayern, Bremen (!) und Stuttgart) fünf Hauptstädte des Kontinents: Brüssel, Paris (Ile de France), Luxemburg, Wien und London. Hier werden pro Kopf der Bevölkerung 58 Prozent, also etwa 19 000 Mark, mehr erwirtschaftet als im europäischen Durchschnitt (32 800 Mark) - und mehr als dreimal soviel wie in den Armenhäusern der EU, etwa dem portugiesischen Centro oder dem griechischen Ipeiros (siehe Graphik). Die Welten berühren sich: Lissabon boomt, derweil der Alentejo ausblutet Hamburg lebt auf, während Mecklenburg-Vorpommern verfällt.

Die Bundesrepublik, so lautet das Urteil der EU-Kommission, ist neben Italien mittlerweile das Paradebeispiel für eine gespaltene Volkswirtschaft. Zwischen Ossis und Wessis klafft eine soziale Kluft, tiefer als in Italien zwischen Mailand und Mezzogiorno.