Wenn der amerikanische Jazzpianist Cecil Taylor, der fünfstellige Gagen verlangt und Fünf-Sterne-Hotels bevorzugt, Journalisten in Unterwäsche zum Gespräch empfängt, so ist das keine altersbedingte Nachlässigkeit eines Mannes, der auf die Siebzig zugeht. Wenn er, wie vergangene Woche an drei ausverkauften Abenden beim Total Music Meeting in Berlin, ein bis zu den Knien herabhängendes Oberhemd, Strampelhose und rosafarbene Wollsocken trägt, so zeigt sich darin keine Geringschätzung des Publikums, sondern alles Warme und Weiche seiner Person, das er in seiner Musik nur für Momente zulassen kann. Härtester Anschlag, schnellste Läufe, faustdicke Cluster sind sein Markenzeichen - Turnübungen höchster Komplexität an den 88 Holmen eines Barrens namens Bösendorfer. Unbehindert von Schuhen, Gürtel, Krawatte oder Frisur hebt er an zu sechzig-, siebzig-, achtzigminütiger Tastengymnastik. Tonkaskaden scheinen aus den Spitzen der Finger zu spritzen, rasanter als es seine Zuhörer zu fassen vermögen.

Taylor solo - das wäre den meisten schon mehr als genug. Ihm aber reicht es nicht. Acht Musiker holt er zur Verstärkung auf die Bühne. Schlagzeug, Baß, Cello, Posaune, Trompete und drei Saxophone umgeben sein Rasen mit dissonantemTumult. An ohrenbetäubender Intensität nimmt es mit diesem Ensemble aus New York kaum eine andere mit akustischen Instrumenten agierende Band auf. Jenseits von Taylor kommen nur noch Hardrock, Rap und Techno lauter, nicht irrer. Taylor, inzwischen ein tobender Senior, markiert seit dreißig Jahren die Grenzen des musikalisch Erträglichen. Die Faszination, die von ihm ausgeht, mag sich nur wenigen erschließen jene aber mühen sich von Auftritt zu Auftritt, von CD zu CD vergeblich, das Geheimnis seiner Musik zu enträtseln. Nach dem letzten Set in Berlin - es war schon Montag früh im "Podewil", dem früheren Haus der jungen Talente - saß sogar einer seiner Musiker verstört herum. Sie müßten proben und proben, bekannte der junge Trompeter Chris Matthy, Taylor habe sehr präzise Vorstellungen über Themen, Dramaturgie und Zusammenspiel, aber was dann im Konzert sich ereigne, habe oft gar nichts mehr mit den Vorbereitungen zu tun.

Dabei kontrastiert das Lärmen von acht entfesselten Individuen, die nebenher - nach Taylors Vorbild - noch voodooartige Tänze aufführen, aufs schärfste mit den kurzen Zugaben des Meisters, Miniaturen, die auf neunzig Sekunden so viel an Lieblichkeit und Lyrik verdichten, wie es anderswo gut für einen ganzen Abend wäre.

Cecil Taylor, Derwisch in Angora, wird so zu einem Vexierbild dessen, was musikalisch möglich und erträglich ist. Sich ihm über die Jahre immer wieder aussetzen zu können, dafür gebührt Dank der das Festival veranstaltenden Plattenfirma FMP, die Freiheit noch in Zeiten der Geldknappheit als unbezahlbar erkennt.