Ein einziger Film erhob ihn in den fünfziger Jahren auch hierzulande in den Rang eines großen Filmkünstlers. Seine "Kinder des Olymp" akzeptierten selbst die borniertesten Oberstudienräte als "besonders wertvoll". Ein Film, so erzählerisch vielschichtig wie Literatur, so visuell kraftvoll wie Malerei, so schauspielerisch kunstvoll wie Theater: eine "Offenbarung zukünftiger Filmkunst", wie es damals hieß. Das war ein Mißverständnis. Antonioni notierte bereits 1945, der Film wolle "vor allem unser Erstaunen hervorrufen", und Jean Mitry nannte ihn später ein "kaltes, abgezirkelt-steifes Werk". Aber dieses Mißverständnis öffnete doch vielen die Augen für einen Regisseur, der mit seinen pessimistischen Arbeiten in den späten dreißiger Jahren allen Außenseitern dieser Welt, allen Verdammten und Verlorenen berührende Denkmale errichtet hat - in einer Zeit, in der sein Frankreich, das Land der Volksfront, vor dem Zusammenbruch stand.

Marcel Carné brachte - wie sonst nur noch Jean Renoir - das Lebensgefühl jener Menschen auf die Leinwand, die immer nur ins Unglück rennen und ohne jedes Talent für Kompromiß oder Auflehnung sind. Das Universum seiner frühen Filme war schwarz und poetisch zugleich: Es gab keine Zukunft, nirgendwo, nur kurze Momente einer irrealen Träumerei. "Wie herrlich wäre es, wenn die ganze Welt tot wäre, und nur wir zwei blieben noch, um uns zu lieben", sagt der Ausgestoßene in "Der Tag bricht an", während sich schon die Gewehre der Polizei auf ihn richten. Das resignative Timbre der Geschichte korrespondierte dabei mit der betonten Künstlichkeit von Architektur und Dekor, dem raffinierten Spiel von Licht und Schatten. Es gab keine Zukunft, aber es gab den melancholisch-schönen Schein des Scheiterns, künstlerischer Ausdruck für Protest und Widerstand.

Carné war ein Rebell der leisen Töne, ein Poet der Düsternis: ein Cinéast des Schattens, dem das Licht nur wenig abzutrotzen vermag. 1937, in "Dr'le de drame" ("Ein sonderbarer Fall"), einem absurden Gesellschaftsstück, erweist sich der Serienmörder als einziger Mensch mit Gefühl: Er tötet Metzger aus Liebe zu Tieren.

1938, in "Hafen im Nebel", münden selbst Solidarität und Liebe in Krieg und Tod: Ein Maler nimmt sich das Leben und hinterläßt einem Deserteur seine Papiere, damit der ein Schiff nehmen kann, das ihn in Sicherheit bringt. Doch als er sich, während er auf die Abfahrt wartet, in ein Mädchen verliebt, das verfolgt wird, kommt er beim Versuch, ihr zu helfen, um. 1939, in "Der Tag bricht an", tötet ein Arbeiter im Zorn einen zynischen Geschäftsmann - und wartet danach eine endlose Nacht lang auf Sühne und Erlösung, neben sich die Frau, die ihn zuvor mit den Worten umworben hatte, sie sei nun frei, jeden Mann zu treffen, der ihr gefalle.

All diese melodramatischen Geschichten bilden jedoch nur den Rahmen erst der kühle, harte Blick darauf, kontrapunktiert durch verzaubernde Bilder, macht Carnés Filme noch heute zum Erlebnis. Wie kein anderer Regisseur seiner Zeit charakterisierte Marcel Carné die Situation des Menschen als tragisch und hoffnungslos. Gleichzeitig zeichnete er aber die kurzen Momente des Glücks, der Pression sozialer Realität abgetrotzt, mit der Aura des Paradiesischen. Der kurze Blick auf das Schiff, das einen in die Ferne bringen könnte. Die Morgensonne, die über den kleinen Vorplatz huscht und anzeigt, daß es weitergeht, weiter und weiter. Das knappe Lächeln auf dem Gesicht des Mörders, des Flüchtlings, des Verlorenen. "Es gibt immer einen Augenblick des Glücks für meine Personen. Ein Augenblick, das ist schon viel!"

Heute gilt die Epoche zwischen 1931 und 1939, in der Carnés wichtigste Filme entstanden, als die goldene Ära des französischen Kinos: René Clair drehte "Unter den Dächern von Paris", Jacques Feyder "Le Grand Jeu" und "Fahrendes Volk", Julien Duvivier "Feuerkopf" und "Pépé le Moko", und Jean Renoir legte vier seiner subtilen Meisterwerke vor: "Toni" und "Das Verbrechen des M. Lange", "Die große Illusion" und "Die Spielregel". Bei Clair und Feyder assistierte Carné, und durch Jean Renoir lernte er Jacques Prévert kennen, den Autor seiner wichtigsten Filme, den "ebenbürtigen Partner", der - wie Robert Chazal in seiner grundlegenden Carné-Studie bemerkt - in ähnlicher Weise die "Pariser Atmosphäre" kannte: die Viertel, die Straßen, die Menschen der "an ihren Theken getrunken", "mit ihnen gestritten und gelacht" hatte und "wütend und traurig (war) über die gleichen Dinge". Carné selbst über sein Verhältnis zu Prévert, 1973: "Meine Filme hätte es nie gegeben, hätte es nicht Jacques Prévert gegeben. Erst Carné plus Prévert zusammen, das ergab einen Carné-Film."

Geboren wurde Marcel Carné am 18. August 1906 in Paris. Als Junge tobte er, wie es heißt, gerne auf den Straßen um den Square des Batignolles herum, oft im Streit mit einem reichen, angeberischen Knaben: Pierre Brasseur, der später - neben Arletty und Michèle Morgan, Jean Gabin und Jean-Louis Barrault - einer seiner wichtigsten Darsteller werden sollte. 1929 drehte er eine kleine Reportage über das Pariser Vorstadtmilieu, die ohne Erfolg blieb: "Nogent, Eldorado du Dimanche". Deshalb arbeitete er bis 1935 als Filmkritiker des Cinémagazine, ab 1934 als Regieassistent, danach produzierte er Werbefilme. 1936 kam er zu seinem ersten Spielfilm: "Jenny".