John Major, berichtete die Times in der vergangenen Woche, habe vierzig Jahre nach dem Ereignis eine ihm von seinem Erdkundelehrer verpaßte Tracht Prügel immer noch nicht verkraftet.

Mister Walker, ein "trotz seiner Neigung, den Rohrstock zu schwingen, beliebter" Lehrer, hatte dem zukünftigen Premierminister damals vor der Klasse einen kräftigen Hieb versetzt, weil der seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte. Die Erinnerung daran, vermutete die Times, sei der tiefere Grund, warum Major Erziehungsministerin Gillian Shepherd zurückpfiff, die gerade die Wiedereinführung der Prügelstrafe in britischen Schulen gefordert hatte.

Etwas Schönes hatte die Ministerin ihrem Premier da eingebrockt!

Majors Widersacher, der Labour-Führer Tony Blair, hatte vor ein paar Wochen gerade bekannt, bei seinen eigenen Kindern hin und wieder dem guten Benehmen physisch nachzuhelfen, weil "sie lernen müssen, daß es Dinge gibt, die man nicht tut". So konnte die Times umgehend melden: "Labour durch Moraldebatte im Aufwind".

Moral, Moral, Moral. Der gegenwärtige Wirtschaftsaufschwung und wachsender Wohlstand haben das Jammern des britischen Mittelstandes über seine ökonomischen Kalamitäten verstummen lassen. Das Lieblingsthema der schweigenden Mehrheit, die man auf der Insel middle England nennt, ist jetzt der Verfall von Tugend und Moral. Neben dem Sittenverfall zählt kaum mehr ein anderes Thema. Der Kriegsausbruch in Zaire war der Times auf ihrer ersten Seite gerade eine zehnzeilige Notiz wert. Leitartikel von einer Länge, wie sie sonst nur historischen Ereignissen zukommen, beklagen Werteverfall und Auflösung der Familie, augenfällig geworden durch die Untaten eines Buben, den die Lehrer einer Grundschule in Mittelengland wegen ständiger Störung des Unterrichts verweisen wollen, damit aber am Widerstand der Mutter und eines liberalen Elternbeirats scheitern. Oder durch die Zustände in einer Sekundarschule im nordenglischen Halifax, an der angeblich die Anarchie ausgebrochen ist.

Die Leserbriefseiten sind voller Episteln über die Notwendigkeit, der drogenverseuchten Jugend ethische Grundwerte und Selbstrespekt beizubringen. In Fernsehstudios malen selbsternannte Sittenwächter in endlosen Debatten groteske Bilder von einem in Chaos und Gewalt versinkenden Land an die Wand und beschwören die zeitlose Rolle der Religion als Mittler ethischer Werte. Jede Zeitung veröffentlicht ihr eigenes Manifest zur moralischen Wiedergeburt der Nation.

Die staatliche Lehrplankommission trat mit einem Statement of Shared Values, einem Wertekatalog, an die Öffentlichkeit, den alle Schulkinder hinfort auswendig lernen sollen. Vier Gebote, die alle mit "Wir hochachten . . ." beginnen. Zum Beispiel: ". . . jede Person als einzigartiges Wesen mit einem Potential für spirituelle, moralische, geistige und körperliche Entfaltung und Besserung."