Eine helle Mondnacht im Juni 1792. Der junge Ludwig Tieck streift allein vor den Toren Halles umher: ". . . mir war, als lebt' ich in der fernsten Vergangenheit, die Ruinen des Ritterschlosses blickten so ernsthaft nach mir hin, die Felsen gegenüber, die Felsen über mir, die wankenden Bäume, das Hundebellen, alles war so schauerlich, alles stimmte die Phantasie so rein, so hoch."

Der Zauber dieser Sommernacht zieht den Dichter für Stunden in seinen Bann: "Oft saß ich halb im Traum, halb wachend, mit einem Auge süße Träume sehend, mit dem andern in die schöne Gegend blickend."

Die Felsen und Trümmer, zwischen denen Tieck die Nacht verbrachte, waren die Ruinen der Burg Giebichenstein, die sich auf einem Felsen bei Halle hoch über dem Flußlauf der Saale erhebt. Ihre Geschichte reicht bis ins zehnte Jahrhundert zurück, als die Burg, erbaut auf den Ruinen einer Kultstätte für den Gott Wotan, dem Erzbistum Magdeburg gehörte. Die Reste dieser ersten Anlage, der Alten Burg, sind inzwischen vollständig überwachsen: An ihrer Stelle liegt jetzt ein Park.

Daneben entstand eine weitere Festung, die Oberburg, von der heute noch Ruinen und ein Turm zeugen: Sie wurde im dreißigjährigen Krieg zerstört und später als Steinbruch mißbraucht. Am besten erhalten blieb der dritte Bau auf diesem Felsen, die Unterburg hier sind noch heute die unzerstörten und bewohnten Gebäude aus dem 15. Jahrhundert zu besichtigen.

Der Giebichenstein wäre nichts als eine Burg, ein Trümmerfeld von gewisser historischer Bedeutung, wären die Ruinen der Oberburg nicht im späten 18. Jahrhundert von den Hallenser Studenten als romantisches Ausflugsziel entdeckt und später in Schilderungen verewigt worden, deren Verfasser zu den berühmtesten Köpfen aus Wissenschaft und Kunst zählen. Die Burg wurde besungen, gezeichnet und immer wieder beschrieben sie wurde zum Schauplatz von Theaterstücken und Geselligkeiten, aber auch von Lesungen Giebichenstein wirkte auf viele junge Dichter ungemein inspirierend.

Es waren vor allem Studenten, die den Weg hierher fanden: Die renommierte Universität zog einen beträchtlichen Teil der akademischen Jugend nach Halle die Burg und die umliegende Landschaft wurden zum Ziel studentischer Ausflüge, wie sie etwa Karl Immermann in seiner Autobiographie beschreibt: "Allabendlich" sei man von der Stadt auf die Burg gepilgert, um "zwischen den grünen Büschen des Giebichensteiner Gartens" gemeinschaftlich die neueste romantische Literatur zu lesen und sich mit Kähne n über die Saale treiben zu lassen.

Neben der Universität spielte auch das gastfreie Haus des Komponisten Johann Friedrich Reichardt eine bedeutende Rolle auf dem Weg nach Giebichenstein. Reichardt, später wegen seiner offenen Sympathie für die Französische Revolution am preußischen Hof in Ungnade gefallen, hatte am Fuße des Burgfelsens ein Gutshaus zunächst gemietet und 1794 schließlich gekauft. In wenigen Jahren legte er einen durch seine wilde Schönheit berühmten Garten an, einen wichtigen Anziehungspunkt für die vielen Besucher Reichardts: Goethe, Tieck, Brentano, Arnim, Jean Paul oder Novalis genossen die ländliche Einsamkeit in Reichardts Park, aber auch die zuvorkommende Bewirtung durch den Gastgeber, über den Jean Paul sagte: "Sein Bergtalgarten zerteilt sich in lauter Schönheiten und er selber in lauter Gefälligkeiten und Aufmerksamkeiten."