Im Winde klirren die Fahnen. Nein, nicht die gläsernen aus Hölderlins Versen, sondern die schwarzgründunklen, von Gerhard Merz entworfenen, die auf den beiden Türmen des Hamburger Bahnhofs in der Berliner Invalidenstraße flattern. Es kann nicht immer Griechenland sein, aber der Hamburger Bahnhof ist ein spätklassizistisches Gebäude, das seit dem 3. November ein Museum für zeitgenössische Kunst beherbergt, und Gerhard Merz, unser Künstler für die imperialen Gesten mit dem kühlen Feuerhauch der italianitá (nicht in der Folge des Donatello, sondern des Duce), hat die Fahnen mit dem Wort Sonnenfinsternis beschriften lassen. Natürlich in italienisch: "Eclisse solare". Zweimal. Ein etwas seltsames Motto zur Weihe des Hauses.

Und von wem sind, bitte, die blauen Neonbündel an der Fassade des Zentralbaus und den Seitenflügeln, die dem Gebäude am Abend einen Tortenschmelz aus 1001 Nacht überwerfen? Auch von Gerhard Merz, der doch im Sommer die Kräne der Großbaustelle am Potsdamerplatz so hübsch illuminiert hatte? Nein, sie sind von Dan Flavin, dem ersten und wirklichen Künstler des fluoreszierenden Lichtes, soviel zum Urheberrecht, und Dieter Honisch, der Direktor der Nationalgalerie, des Mutterhauses quasi des Hamburger Bahnhofs, sagte, daß Flavin das Blau vom Himmel in Berlin heruntergeholt habe.

Der Himmel von Berlin hat viele Bewerber. Und der Boden noch mehr.

Im Hamburger Bahnhof ist er jetzt so verteilt, daß siebzig Prozent der aus- und aufgestellten Kunstwerke eine Dauerleihgabe des Sammlers Erich Marx sind, der Rest aus dem Besitz der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz stammt, deren jüngstes Mitglied der Hamburger Bahnhof ist. Offiziell heißt das Haus übrigens Museum für Gegenwart.

Und da der Museumsneubau, der im nächsten Februar in Hamburg eröffnet wird, sich Galerie für Gegenwart nennt, darf nebenbei auch darüber gegrübelt werden, welcher Zeitgeist hier wohl am umschwenkenden Wirken ist. Alfred Barr, der das erste Museum für die Kunst seiner Zeit errichtete, in New York im Jahr 1929, nannte es Museum of Modern Art. Lange war der Begriff der Moderne unangefochten. Auf das Wort contemporary, das Zeitgenössische, kamen dann die postmodern irritierten Kunsthistoriker in den siebziger und achtziger Jahren, zum Beispiel in Los Angeles, wo man das neue Haus von Isosaki Museum of Contemporary Art nannte.

Und nun also hat man die Moderne und die Zeitgenossenschaft hinter sich gelassen und ist in der Gegenwart angelangt, hier und heute.

Dieter Honisch begründet den Namen mit dem Hinweis darauf, daß man beileibe kein neualtes Museum sein, sondern im Hamburger Bahnhof einem "elastischen Prinzip permanent wechselnder Präsentationen" folgen wolle, im übrigen ein "Erlebnisraum, ein Forum für Künstler, Medien, Alltagskultur, Diskussion, Musik, Performances und Lesungen" sein werde. Gegenwart, das ist Präsenz. Und dann das Museum der Zukunft? Die Vertreter des Museums jedenfalls sind immer bereit zur Selbstbezichtigung. Und nun umarmen sie in der Gegenwart die Ewigkeit.