Washington

Die Nation hat ihm gegeben, was im rauhen politischen und sozialen Klima von heute nur wenigen zuteil wird: eine zweite Chance. Als großer Veränderer trat Bill Clinton vor vier Jahren an, als Bewahrer kandidierte er diesmal. Wandlungsfähigkeit ist eine seiner stärkeren Eigenschaften. Sie wurde von den Wählern belohnt.

Der Sieg stand in der Wahlnacht nicht so schnell fest, wie erwartet.

Unsicherheit wegen des ungeschrieben Protokolls: höflicherweise wartet der Sieger auf ein Wort des Verlierers. Doch in Washington zögerte Robert Dole lange, die Niederlage einzugestehen. So ließ der Jubel in Little Rock, wo die Clintons auf das Ergebnis harrten, noch auf sich warten. Ohnehin herrschte dort eine andere Stimmung als vor vier Jahren: damals freudiger Überschwang, nun fast stille Genugtuung. Vernon Johnson, der schwarze Berater Clintons, sagte schlicht: "Wenn einer fünfzig ist und wiedergewählt wird, dann empfindet er Dankbarkeit und Demut."

Als William Jefferson Clinton im Januar 1993 in das Weiße Haus einzog - mit 46 Jahren war er der drittjüngste Präsident der Vereinigten Staaten -, reiste er auf einer historischen Route an. Sie begann in Monticello, Thomas Jeffersons Plantage in den Bergen von Virginia.

Jefferson, Autor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und erster Präsident der Demokratischen Partei, war 1801 auf demselben Weg nach Washington gekommen. Die Symbolik war überdeutlich. Bis zum Amtsantritt des Republikaners Abraham Lincoln 1861 standen mit kurzen Ausnahmen - von insgesamt nur vier Jahren - stets Demokraten an der Spitze der Exekutive. In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts gehörte ihnen das Weiße Haus.

Seit dem Zweiten Weltkrieg verhielt es sich genau umgekehrt. Demokratische Regentschaften waren die Ausnahmen, und keinem der Demokraten nach Franklin D. Roosevelt gelang je die Wiederwahl. Schon Clintons erster Wahlsieg kam überraschend. Das sozialdemokratische Zeitalter, so hieß es, sei vorüber. Die großen Ziele der Sozialdemokratie - Altersrenten, Arbeitslosen- und Krankenversicherung - waren in den westlichen Industrienationen alle erreicht. Clinton trug dem Rechnung. Er gab sich als "New Democrat". Damit wollte er sich von der Blue-collar-Tradition der Demokraten, vom Richtungsstreit der Interessengruppen und vom liberalen rechtspolitischen Image lösen. Gleichwohl hatte er sich zwei klassisch sozialdemokratische Vorhaben aufs Panier geschrieben. Erstens: Jobs, Jobs, Jobs - aber die Arbeitsplätze sollten durch staatliche Programme zur Ankurbelung der Wirtschaft geschaffen werden. Zweitens: eine Gesundheitsreform - für Clinton stand die umfassende Krankenversicherung an erster Stelle. Beide Vorhaben scheiterten kläglich.