In den vergangenen Tagen erhielten 20 800 US-amerikanische Teilnehmer des Krieges am Persischen Golf Post vom Pentagon. Sie wurden darin aufgefordert, sich zu melden, falls sie gesundheitliche Probleme haben - denn sie könnten im März 1991 mit irakischem Giftgas in Berührung gekommen sein. Für das Pentagon und die CIA stellt die Briefaktion einen peinlichen Rückzug dar.

Zwar hatte der Irak nach heutigem Wissen keine C-Waffen eingesetzt, wohl aber hatten US-Truppen - wahrscheinlich unwissentlich - nach dem Krieg solche Waffen zerstört, und dabei könnte es zu Vergiftungen gekommen sein. Seit Jahren behaupten Golfkrieg-Veteranen, unter den Folgen zu leiden (siehe ZEIT Nr. 33/1995). Pentagon und CIA dementierten: kein Gift, keine Krankheiten.

Doch Veteranen haben eine starke Lobby, und der Wahlkampf tat ein übriges. Im Februar dieses Jahres veröffentlichte das Pentagon Dokumente im Internet, denen zufolge US-Soldaten irakischen Kampfgiften ausgesetzt waren. Die CIA protestierte, die Dokumente verschwanden wieder. Doch im Juni räumte das Pentagon schließlich ein, daß 150 Personen betroffen sein könnten. Im September waren es dann 5000, Anfang Oktober 15 000 und nun also 20 800.

Die Affäre weitet sich aus. Am vergangenen Donnerstag packte ein amerikanischer Verleger die von der CIA verbannten Texte erneut ins Internet - ein Werbegag. Der Verlag kündigte nämlich an, ein Buch zweier ehemaliger CIA-Mitarbeiter zu veröffentlichen, die den Behörden vorwerfen, die Giftgefahr verniedlicht zu haben.

Schon am folgenden Tag reagierte die CIA mit einer Pressekonferenz und einer Untersuchungskommission.

Besonders unangenehm: Washington wird von Verbündeten bloßgestellt, nämlich von tschechischen Militärs. Ihre Chemiewaffen-Spürtrupps zählen zu den besten der Welt. Sie hatten amerikanische Einheiten im Januar 1991 einige Male alarmiert, weil in deren Nähe Konzentrationen von Kampfgasen gemessen wurden. Zu diesen Warnungen hieß es im Pentagon bisher nur, eigene Fachleute hätten sie nicht verifizieren können. Unlängst gab die New York Times haarsträubende Schilderungen von tschechischen Offizieren wider: Ihnen zufolge ignorierten US-Kommandeure mehrfach die Warnungen der Spezialisten, und während die Tschechen hastig Schutzmasken und schwere Gummianzüge überzogen, liefen ihre amerikanischen Kameraden weiterhin schutzlos neben ihnen her. US-Offiziere bedeuteten den Tschechen gar, sie sollten "keine Panik auslösen", die Konzentrationen seien doch eher gering.

Derartige Berichte nähren den Verdacht, das Pentagon habe jahrelang verhängnisvolle Sorglosigkeiten von Truppenkommandeuren decken wollen. Wenn es so war, dann wohl kaum nur aus Kameraderie. Der Irak ist nicht der einzige potentielle Gegner der Vereinigten Staaten, der möglicherweise über chemische und biologische Waffen verfügt - man denke an Nordkorea. Wenn sich aber in der Öffentlichkeit und unter den Soldaten die Vorstellung festsetzen sollte, daß kämpfende Einheiten nicht ausreichend geschützt würden, dann dürfte die Bereitschaft zu zukünftigen Einsätzen erheblich sinken. Just deshalb ist die "Golfkrieg-Krankheit" ein Politikum. Sie paßt schlecht zur Kriegsdoktrin des "chirurgischen Eingriffs".