So ein Künstlerleben ist nicht leicht, wenn man als Bürgerschocker sein Geld verdient. Denn wer heute noch auf die Titelseiten der gruselgeilen Blätter will, muß schon ein bißchen mehr bieten als Orgien in Rinderblut, mit eigenem Kot beschmierte Wände oder öffentliche Orgasmen. Vielzu oft haben die Künstler einen knallen lassen wider den Bürgermief, haben am guten Geschmack gezündelt und an unserer Bewußtseinshornhaut gehobelt. Die ist dann allerdings um so dicker nachgewachsen. Was scheren uns noch eingeweckte Tierkadaver oder fein drapierte Eingeweide? Wir sind gut vernarbt, wie sonst könnten wir die tägliche "Tagesschau"-Performance aus Zaire oder der Türkei ganz entspannt über uns hinwegrieseln lassen?

Wirklich schlechte Zeiten also für professionelle Brauseköpfe.

Doch einer wie Wolfgang Flatz gibt nicht so schnell auf. Immer noch trägt er Lederkluft und den Kopf kahlgeschoren, immer noch nennt er seine Dogge Hitler, quält gerne Augen, Hirn und Magenschleimhäute seiner Besucher und spielt für die Münchner Schickeria den großen Provokator. Allerdings muß auch er eingestehen: So rosig gehen die Geschäfte mit Schmäh und Schock auch für ihn nicht mehr. Schließlich hat er alles schon hinter sich, war lebender Fußabtreter, ließ sich mit Dartpfeilen bewerfen und baumelte sich zu Silvester als menschlicher Glockenklöppel den Kopf blutig. Läßt sich so viel Selbstzertrümmerung noch steigern? Ja, sagt der Künstler: durch Werbung.

Mit Schreckensschleichwerbung a la Benetton-Großplakat ist es bei Flatz aber nicht getan. Das muß schon tiefer gehen, und deshalb will er sich das Logo einer Firma in die Haut einritzen lassen, als tätowierte Bandenwerbung auf der Brust. 20 000 000 Mark soll die Verwandlung vom Bürgerschreck zur Litfaßsäule dem bislang ungenannten Sponsor schon wert sein. Schließlich will Flatz mit ein paar Sticheleien in die Epidermis zum teuersten lebenden Kunstwerk aller Zeiten aufsteigen. Wirklich ein Schock!

Vor allem für die Tätowierer dieser Republik, die in ihren Studios bislang von so hehrer Kunst verschont geblieben waren. Bei ihnen durften sie noch fliegen, die vielfarbigen Adler über erogenen Zonen, hier durften sie noch fauchen, die wilden Tiger auf wohlgesättigtem Fettgewebe. Nicht Herrgottsschnitzer oder Bauernmaler sind die Volkskünstler unserer Zeit, sondern die hautnahen Stichelmeister der Tattoo-Studios. Doch auch dieses letzte Reservat soll jetzt zerstört werden.

Mit tieftreibender Welt-Einsicht wird Flatz die Volksseelenbeschrifter aus ihrem gedankenfreien Raum vertreiben. Will mit der Inschrift auf der Brust und drei Pfund Philosophie auf dem Buckel sich selbst zum Gesamtkunstwerk und die Tätowierung zum Zeichen der Umkehr erklären. "Endlich wird man wieder über Ethik nachdenken", droht Flatz - durch das Tattoo könne er sich verkaufen und werde doch nicht käuflich. Geld, den einzigen Gott, der noch funktioniere, wolle er so herausfordern ein eiskalter Deal, der dem Kunstbetrieb so richtig unter die Haut gehen werde.

Fürwahr: Uns gruselt's. Vor einem Künstler, der meint, die ganz normale Selbstverstümmelung würde noch irgend jemanden wachreißen.