Hartwig de Haen ist von Amts wegen zur Zuversicht verpflichtet.

Doch wer dem Mann genau zuhört, spürt schnell seine Selbstzweifel.

"Ich muß und will Optimist sein", sagt er beispielsweise. Auch, daß man Realist bleiben müsse, sich keine utopischen Ziele setzen dürfe. Er äußert sogar ein gewisses Verständnis für jene Kritiker, die schon enttäuscht sind, bevor die Tage angebrochen sind, auf die de Haen seit Monaten zuarbeitet - schließlich sind alle Dokumente bereits unter Dach und Fach. Das Geld sei eben knapp, und überhaupt bestehe immer die Gefahr von Minimalkonsensen, wenn sich Regierungsabgesandte aus mehr als 180 Nationen am Verhandlungstisch zusammenraufen müßten.

De Haen, 55, leitet die Abteilung für Wirtschaft und Soziales bei der Welternährungsorganisation (FAO) in Rom. Dort werden sich von Mittwoch kommender Woche an Hunderte von Diplomaten, Ministern sowie Staats- und Regierungschefs zum letzten UN-Gipfel vor der Jahrhundertwende versammeln. Offiziell geht es um nichts Geringeres, als im Computerzeitalter den Welthunger auszurotten. Doch wenn die Abgesandten nach fünf langen Konferenztagen wieder in ihre Jets nach Dacca, Abidjan, Peking, Washington oder Bonn klettern, wird sich an dem alltäglichen Skandal nichts geändert haben: Weiter werden im Süden des Planeten täglich rund 20 000 Kinder nur deshalb sterben, weil sie zuwenig Kohlehydrate, Fett, Eiweiß, Vitamine und Mineralien bekommen.

Obwohl, wie de Haen sagt, es "keine technischen Hindernisse" gebe, alle Leute satt zu machen, wird der gemeinsame Nenner der Diplomatenschar nur für den Beschluß gereicht haben, bis zum Jahr 2015 den Welthunger zu halbieren. Die Deutschen werden vehement dagegen gestritten haben, in der Erklärung von Rom das Menschenrecht auf Nahrung zu verankern, die Nordamerikaner werden sich mächtig für ihre Agrarexporteure ins Zeug gelegt haben, und die Vertreter vieler Dritte-Welt-Länder werden sich mit Händen und Füßen gegen das Wörtchen good governance gewehrt haben.

Nicht nur Sprecher von Dritte-Welt-Gruppen wie Frank Braßel, Geschäftsführer des Food First Informations- & Aktions-Netzwerkes (FIAN), machen aus ihrem Frust keinen Hehl: Gegenüber der Rio-Konferenz von 1992 oder dem New Yorker Weltkindergipfel von 1990 gehe es beim Welternährungsgipfel in Rom vor allem darum, Rückschläge zu verhindern Braßel spricht von einem "Abwehrkampf". Auch Joachim von Braun, langjähriger Mitarbeiter des in Washington ansässigen International Food Policy Research Institute (IFPRI), heute Professor für Ernährungswirtschaft an der Kieler Universität und Berater der FAO, redet ungeschminkt von viel "dummem Geschwätz", das der Aktionsplan enthalte. Er ärgert sich darüber, daß man sich aller Voraussicht nach in Rom nicht darauf wird einigen können, wie die hehren Erklärungen hernach in praktische Politik umgesetzt werden sollen und darüber, daß in Rom ganz bewußt nicht übers Geld geredet werden soll. Ein Gipfel aber, so von Braun, "der sich auf die Fahnen geschrieben hat, keine Institutionen und keine neuen Finanzierungsmechanismen zu schaffen, untergräbt alle Chancen, etwas zu verändern". Den Hunger abzuschaffen koste nämlich Geld.

Wie wenig ausgeprägt der Wille dazu ist, zeigt die Erfahrung der Vergangenheit. 1974, im Jahr der letzten Welternährungskonferenz, galten 920 Millionen Menschen als unterernährt. Damals nahmen sich die Regierungsabgesandten vor, den Hunger binnen einer Dekade zu besiegen. Zwar stieg seitdem die durchschnittliche Kalorienversorgung, obwohl die Zahl der Menschen um rund zwei Milliarden wuchs. Dennoch hat sich bis heute, mehr als zwanzig Jahre später, die Zahl der hungernden Menschen gerade einmal um achtzig Millionen vermindert.