Wäre die Lage der Krankenhäuser so, wie sie in einschlägigen Medizin-Gazetten beschrieben wird, stünde die stationäre Krankenversorgung Deutschlands unmittelbar vor dem Kollaps. Jörg Robbers, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, hat auch keinen Zweifel, daß man davon nicht mehr weit entfernt ist. Robbers hat den drohenden Verfall vieler Kliniken vor Augen: "Bröckelnde Fassaden und undichte Dächer sind keine Horrorvision, sondern reale Gefahr." Schon bald müßten die ersten Krankenhäuser schließen - aus Sicherheitsgründen.

Daß die eine oder andere Klinik über kurz oder lang dichtmachen muß, ist so unwahrscheinlich nicht: Denn ihnen fehlt nicht nur das Geld für Reparaturen, sondern sogar auch das Geld für den täglichen Betrieb. Zwar vermeldete Gesundheitsminister Horst Seehofer noch vor einigen Wochen hoch erfreut, daß die Krankenhäuser im ersten Halbjahr 1996 unter ihrem Ausgabenlimit geblieben sind, somit mehr als alle anderen Partner des Gesundheitssystems zur erwünschten Beitragsstabilität beigetragen haben. Dieser Erfolg kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß es den Kliniken finanziell ausgesprochen schlecht geht. Vereinzelt ist es bereits zu Engpässen bei der Versorgung gekommen.

Obwohl die Personalausstattung deutscher Kliniken mit 1,4 Mitarbeitern pro Bett im Vergleich zu anderen Ländern (Vereinigte Staaten: 3,6 Schweiz: 1,9) niedrig ist, geht in fast allen Kliniken das Gespenst des Stellenabbaus um. Und obwohl seit den siebziger Jahren über 500 Kliniken geschlossen haben und allein in den vergangenen vier Jahren 60 000 Betten (gut zehn Prozent) abgebaut wurden, wird behauptet, die Bettendichte von 72 Akutbetten je 10 000 Einwohner sei in Deutschland zu hoch. Dabei sind Betten kein Maßstab ein leeres Bett kostet so gut wie nichts, eine hohe Frequenz pro Bett bringt Geld. Dafür haben die Kliniken viel getan. Die Verweildauer in den Krankenhäusern wurde seit 1990 von durchschnittlich fünfzehn Tagen auf knapp zwölf verkürzt, gleichzeitig ist die Patientenzahl von 13,7 auf fast 15 Millionen gestiegen. Bei vielen Kliniken stößt der Kapazitätenabbau allmählich an Grenzen.

Deutschlands Krankenhäuser sind im internationalen Vergleich besser als ihr Ruf und weniger kostenintensiv, als gemeinhin dargestellt wird. Zwar machten die Ausgaben für den stationären Sektor 37 Prozent der bundesdeutschen Gesundheitskosten aus. Doch in den meisten OECD-Ländern liegen sie mit deutlich über vierzig Prozent noch höher. Nur in Belgien, Portugal, Österreich, Luxemburg und Japan ist ihr Anteil niedriger.

Solche positiven Aspekte werden bei der Kostendebatte über die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) jedoch meist übersehen, ebenso wie die volkswirtschaftliche Bedeutung des Gesundheitssektors.

Rudolf Henke, stellvertretender Vorsitzender des Marburger Bundes, der die Krankenhausärzte vertritt, unterstreicht, daß die Beschäftigtenzahl der gesamten Gesundheitsbranche seit den achtziger Jahren von knapp einer Million auf über 1,5 Millionen angewachsen ist. Der Anteil der GKV-Ausgaben am Bruttosozialprodukt ist aber nur unwesentlich von knapp über fünf auf rund sechs Prozent gestiegen. Für Henke ist das Beleg genug, "wie innovativ, produktiv und dynamisch dieser Sektor ist".

Für die stationäre Versorgung wird das nun aber nicht mehr lange gelten. Mittlerweile hinterläßt die seit vier Jahren praktizierte Budgetierung nämlich tiefe Spuren. Seit Inkrafttreten des Gesundheitsstrukturgesetzes (GSG 92) müssen die Krankenhäuser mit festen Budgets auskommen.