Kann es noch ernsthafte Zweifel daran geben, daß die Flüchtlingskatastrophe in der Mitte Afrikas nur noch mit dem Einsatz militärischer Mittel verhindert werden kann? Zugleich: Für die langfristige Stabilität der Region ist damit noch nichts gewonnen.

Seit dem letzten Gemetzel in Ruanda vor zwei Jahren lebten 1,2 Millionen Flüchtlinge in riesigen Zeltlagern auf der zairischen Seite der Grenze. Jetzt droht ihnen wegen der Kämpfe der vergangenen Wochen erneut Lebensgefahr. Die internationalen Organisationen haben ihre Helfer abgezogen, das UN-Flüchtlingswerk UNHCR hat keinen Kontakt mehr zu ihnen. Frauen, Männer, Kinder, Greise - so viele wie die Einwohnerschaft Münchens - sind ohne Lebensmittel, ohne Hygiene, oft ohne Trinkwasser. Wenn nicht rasch Hilfe kommt, werden viele von ihnen den Hunger, die Epidemien und den mörderischen Überlebenskampf um die letzten Vorräte nicht überleben.

Der Waffenstillstand, den die militärisch erfolgreichen Tutsis in Ostzaire nun für drei Wochen verkündet haben, bietet wenig Grund zum Aufatmen. Wer weiß schon, wie lange er halten wird.

Und daß die Hutu-Flüchtlinge dem Aufruf folgen und in ihre ruandische Heimat zurückkehren, der sie doch aus Angst vor der Rache der dort nun herrschenden Tutsis das Vegetieren in den Camps vorgezogen haben, ist wenig wahrscheinlich. Sie bleiben auf Hilfe von außen angewiesen. Und die kann nur zu ihnen gelangen, wenn die Mitarbeiter der internationalen Hilfsorganisationen darauf vertrauen können, daß ihre Transporte und Lager nicht von streunender Soldateska überfallen und ausgeraubt werden, daß sie selbst ihren Einsatz für die Hungernden nicht mit dem Leben bezahlen.

Die Helfer brauchen Schutz - und den können zur Zeit nur die Streitkräfte westlicher Staaten bereitstellen. Die afrikanische Eingreiftruppe, wie sie Präsident Clinton Anfang Oktober vorgeschlagen hat, steht vorerst nur auf dem Papier. Wenn es darauf ankommt, schnell und über große Entfernungen in unwirtlichem, gefährlichem Gelände Notleidenden Hilfe zu bringen, gibt es dafür heute nur ein einziges Instrument: ein (überwiegend) westliches Militärkontingent. Wer dies verweigert, überläßt Zehntausende, vielleicht Hunderttausende ihrem Tod.

Das ist auch die Lehre aus dem Debakel in Ruanda vor zwei Jahren.

Sadako Ogata, die zupackende Chefin des UN-Flüchtlingswerks, hat 1995 in ihrem viel zuwenig beachteten Bericht "Die Lage der Flüchtlinge - Auf der Suche nach Lösungen" festgestellt, "daß nur die umfangreiche Mitwirkung militärischer Einheiten dazu beitragen konnte, die alarmierende Sterbensrate in den Lagern . . . zu verringern".