Palaniappan Chidambaram ist auf den ersten Blick ein unscheinbarer, kleiner Mann mit einer dicken Hornbrille. Doch dann, wenn er spricht, leise zwar, aber sehr konzentriert, dann wirkt er plötzlich ungemein präsent. Einen Satz wiederholt er gern, wie ein Leitmotiv: "Wir haben die Lehren der Tigerstaaten gelernt."

Chidambaram, der neue indische Finanzminister, verkündet seit Wochen, daß sein Land die klassische Medizin brauche, die heute weltweit verschuldeten Volkswirtschaften verschrieben wird: weitere Öffnung für ausländische Investoren, Privatisierung, Inflationsbekämpfung, Abbau des Haushaltsdefizits. Der 51jährige gilt durch seinen marktwirtschaftlichen Kurs in internationalen Wirtschaftskreisen längst als Hoffnungsträger der neuen Regierung.

Hoffnungsträger, die auch im Ausland für den Wirtschaftskurs des Landes werben, braucht Indien derzeit dringend. Erst in der vergangenen Woche warnte das renommierte World Economic Forum, ein Zusammenschluß wichtiger Ökonomen und Politiker, daß die wirtschaftliche Aufbruchstimmung einschlafen könnte. Die Frage lautet: Kann das Riesenreich auf Reformkurs gehalten werden? Oder triumphieren künftig doch diejenigen, die die Marktwirtschaft nur ganz langsam weiter verwirklicht sehen wollen?

Fünf Jahre lang hatte in Indien eine Wirtschaftsreform stattgefunden, die selbst die sonst eher zurückhaltende Weltbank als "stille ökonomische Revolution" bezeichnet. Nachdem das Land zu Beginn der neunziger Jahre fast den Bankrott erklären mußte, löste der ehemalige Finanzminister Manmohan Singh die Privatwirtschaft von vielen staatlichen Fesseln, ließ ausländische Unternehmen ins Land, baute Zölle und Steuern ab. Der Erfolg konnte sich sehen lassen: Das Bruttoinlandsprodukt, das 1991 gerade um ein Prozent zunahm, wuchs im vergangenen Jahr um über sechs. Die Exporte nahmen jährlich gar um zwanzig Prozent zu, und die Inflation sank unter fünf Prozent. Eine makroökonomische Erfolgsbilanz.

Doch bei den Parlamentswahlen im Frühjahr wählte die Bevölkerung die bis dato regierende Kongreßpartei kurzerhand ab. Massive Korruptionsvorwürfe hatten dem Ansehen der Partei schwer geschadet. Seit einem halben Jahr regiert in Delhi eine Koalition aus dreizehn verschiedenen regionalen Parteien mit unterschiedlichen politischen Einstellungen.

Zwar will keine von ihnen die bisherigen Reformen ernsthaft rückgängig machen. Doch wie geht die neue Regierung künftig mit der nach wie vor gravierenden Armut um, was unternimmt sie gegen das Haushaltsdefizit, wie will sie Investoren ermutigen und wie die ausufernde Bürokratie zurechtstutzen, unter der sogar die Ärmsten leiden (siehe Interview)?

Finanzminister Chidambaram hat sich aus dem dicken Aufgabenheft zunächst eine ausgesucht: die Verbesserung der Infrastruktur.