Vierzig Jahre lang dauerte das Ärgernis. Nun endlich wurde es beiseite geräumt. Seit dem 1. November gehören die rigiden Ladenschlußzeiten in der Bundesrepublik der Vergangenheit an. Und Bäcker dürfen am Sonntagmorgen ihre Kunden mit frischen Brötchen versorgen.

Nun hat also die "neue Zeitrechnung" begonnen, wie selbst der Präsident des Einzelhandelsverbandes plötzlich befand. Was aber ist passiert? "Ansturm auf länger geöffnete Läden" melden die Zeitungen aus den Großstädten. "Ein super Tag mit super Umsätzen", schwärmt gar der Manager eines Einkaufszentrums. "Flaute" halten Händler aus kleineren Städten dem entgegen. Die neuen Öffnungszeiten seien noch gewöhnungsbedürftig. Und auf der Suche nach einem Bäcker mit frischen Brötchen hat es manchen Konsumenten am ersten Sonntag gelegentlich sogar durch die halbe Stadt getrieben - und das auch noch vergeblich.

Vergeblich machte sich dieser Tage auch Wirtschaftsminister Günter Rexrodt, der sich samt seiner Partei FDP die kleine neue Freiheit auf die Fahne schreiben darf, beim Abendbummel durch Bonn auf die Suche nach neuen Arbeitsplätzen. Weshalb die Gewerkschaften, jahrzehntelang im Schulterschluß mit dem Einzelhandel gegen die neuen Öffnungszeiten, bereits ihren hartnäckigen Widerstand gegen die Gesetzesänderung bestätigt sehen. Die Einführung der neuen Ladenöffnungszeiten verlief ruhig, aber weitergehende Schlüsse zu ziehen wäre voreilig.

Das kann auch gar nicht anders sein. Was jahrelang ebenso erbittert bekämpft wie eingefordert wurde, kann sich kaum in einigen wenigen Tagen schon bewähren. Schließlich müssen vierzig Jahre lang eingeübte Gewohnheiten und Gepflogenheiten erst einmal über Bord geworfen werden: beim Kunden, beim Händler und bei dessen Mitarbeitern.

Doch eigentlich sollten wir uns gleich noch ein paar Schritte weiter wagen: nämlich in eine Dienstleistungsgesellschaft, die diesen Namen wirklich verdient. Davon freilich ist schon lange nicht mehr die Rede. Kein Wunder, jetzt könnte es nämlich auch für andere Branchen unbequem werden - vor allem für die Politiker.

Den Einzelhandel hat der Gesetzgeber zu neuen Ufern schleppen müssen. Was aber ist mit Finanz- und Meldeämtern, mit lediglich formal privatisierten Postschaltern und Verkehrsbetrieben? In einer Zeit, da unsere Politiker gern über den Zustand des Standortes Deutschland lamentieren, von Unternehmern und Industriearbeitern und nun auch von Einzelhändlern und Verkaufspersonal mehr Flexibilität verlangen, sollten sie endlich auch die Adressen ins Auge fassen, die ihnen am nächsten liegen: Behörden und öffentliche Betriebe.

Die neuen Ladenschlußzeiten können nur der erste kleine Schritt der sich wandelnden Wirtschaft in eine Dienstleistungsgesellschaft sein. Ohne Wende auch im öffentlichen Dienst freilich wird selbst dieser kleine Schritt ein Mißerfolg werden. Einer Verkäuferin, um nur ein Beispiel zu nennen, die nach 20 Uhr eine Stunde lang frierend auf den nächsten Bus warten muß, kann kaum Freundlichkeit gegenüber den späten Kunden abverlangt werden.