Kunst geht zum Geld. Im Juli 1955 betritt der Ex-Junkie Miles Davis die Bühne des ersten Newport Jazz Festival, spielt ein Solo über "Round Midnight" und wird gekauft. George Avakian, Mitinhaber der Columbia, bietet ihm einen verführerischen Vertrag an. Der dreißigjährige Miles Davis, noch zwei Jahre bei Prestige Records in Musik und Brot, akzeptiert, muß aber seine alten Verpflichtungen erfüllen.

Columbia hat zwei Jahre Zeit, sich ein Marketing-Konzept zu überlegen, um ihren neuen Star zu präsentieren. Aufnahmen mit kleinen Gruppen, mit seinem Quartett gibt es zur Genüge, es sollte etwas anderes sein. "Third Stream", die Verbindung aus europäischer Symphonik und Jazz ist en vogue, Columbia erinnert sich an die Aufnahmen von Miles Davis Ende 1949, Kammermusik eines seltsam instrumentierten Nonetts: "Birth Of The Cool", mehrere Titel auf Schellack-Platten, die sich nur mäßig verkauften, die als Langspielplatte heute zu den Klassikern der Musikgeschichte zählen. Etwas Üppiges in der Richtung soll es sein, "Miles Ahead", der Titel steht schon fest, nur die Musik fehlt. Kunst kommt von Geld.

Miles Davis schlägt einen hageren, weißen Arrangeur vor, mit dem er seit den "Birth Of The Cool"-Sessions eng befreundet ist, der den Klang spürt, den der Trompeter sucht. Ian Ernest Gilmore Green, 1912 in Toronto geboren, auch als Gil Evans unbekannt, wählt achtzehn Musiker, zehn Kompositionen, schreibt die Arrangements, und sie nehmen an vier Tagen im Mai 1957 Musik zu einem Marketing-Konzept auf: ein Meilenstein.

Miles Davis singt auf seinem Flügelhorn, seiner Trompete wie Frank Sinatra zu Nelson-Riddle-Arrangements, setzt die Pausen und Akzente wie Orson Welles, spricht über die Harmoniegesänge des Orchesters - Springsville - ein einziges Schwelgen und Streicheln, das immer lasziver sich dehnt - The Maids Of Cadiz - einziger großer Atem zum lächelnden - The Duke - schneidendes Blechriff und warmes Volkslied, das von der Tuba zum Schaukeln gebracht wird - My Ship - Inbild aller Träume, die den Hafen verlassen, Hoffnung, Trauer, Angst und Sehnsucht an Bord. "Miles Ahead" - ein musikalischer Herzsprung - wird zur ersten Symphonie von Miles Davis, zusammengehalten durch einen pulsierenden Klang, ein weit gespanntes Tonseil, das die einzelnen Titel verbindet, und erst nach Jahren bemerkte man, daß die Kompositionen fremde Namen tragen: Dave Brubeck, Delibes, Johnson, Carisi, Gershwin, Weill.

Die Magie (heute: Chemie) zwischen Gil Evans und Miles Davis wirkt weiter. 1958 verzaubern sie "Porgy And Bess", 1959 das "Concierto De Aranjuez" in impressionistische Klanggemälde, 1962 bemühen sie sich in "Quiet Nights", den Bossa Nova in schmelzendes Gold zu verwandeln. 1968 sollen sie auf Wunsch der Plattenfirma die Filmmusik zu "Dr. Doolittle" einspielen. "Weil ,Porgy And Bess` sein bestverkauftes Album war, muß sich irgendein wirklich dummes Arschloch bei denen gedacht haben, daß dieser Doctor Doolittle ebenfalls ein großer Renner wird." Er lehnt ab, die Zeiten haben sich gewandelt. Miles Davis ist Meilen entfernt.

1996, er wäre siebzig Jahre alt geworden, ehrt Columbia ihren "Prinz der Finsternis" mit einer Box, einem wahrlich adligen Album aus sechs CDs, klugen, begleitenden Texten und akribisch notierten Details: "Miles Davis & Gil Evans - The Complete Columbia Studio Recordings" (Sony 67397). In späten Jahren von rührender Freude über alle roten Teppiche, Ehrenkreuze und Ritterschläge erfüllt, wäre er vermutlich geschmeichelt gewesen. Im Stile alter Schellackalben aufzublättern, wird das Buch durch eine Messingklammer zusammengehalten, ein Trompetengold-Imitat mit der verschnörkelten Gravur seines Namens verziert. Traumhaftes Talmi für eine Musik, die an der Grenze zwischen Jazz und Kitsch den Triumph der Kunst verkündet, quer durch alle Wohnzimmer, Kopfhörer und Vorurteile.

Natürlich bewegt man sich wieder in diesen Klangräumen - ambient music, bevor ambient Mode war -, versinkt in "I Loves You, Porgy", folgt den Trommeln des spanischen "Saeta", verliert sich in der Einsamkeit des "Blues For Pablo". Natürlich schmerzt der Stachel, daß heißgeliebte Unikate - Einzelstücke, selbst wenn es Millionen davon gäbe - plötzlich zum Paket geschnürt, beliebig verfügbar werden (und damit ungehört bleiben). Natürlich erregt sich der musikalische Voyeur, wenn er auf zwei CDs mit Vorspielen, Gesprächen, Variationen und Fehlversuchen Gil und Miles zuhören darf. Bacon beim Malen, Kafka beim Schreiben, Schönberg beim Komponieren - wer will da widerstehen?