Zufrieden lächelnd, läßt sich Paul Chiu an seinem Tisch in der Loge der Haupttribüne nieder, schiebt sich genüßlich eine dicke Scheibe Roastbeef in den Mund und nimmt einen kräftigen Schluck kühlen Chablis. Soeben hat er einen Stapel Geldscheine am Wettschalter abgeholt und in der Brusttasche seines Oberhemds verschwinden lassen. 21 700 Hongkong-Dollar, umgerechnet 4300 Mark, für 10 Dollar Einsatz - der Gewinn für den richtigen Tip der Dreierwette im vierten Rennen dieses Samstagabends auf der Galopprennbahn von Sha Tin. Im Gegensatz zu den vielen tausend Zockern, die sich unten im Erdgeschoß und draußen im Dauerregen den Traum vom großen Geld erfüllen wollen, sind Pferdewetten für Mister PC, wie der schwergewichtige Besitzer von PC Travel, einer der größten Reiseagenturen Hongkongs, überall genannt wird, nur ein großer Spaß. Und heute abend hat Paul Chiu sehr viel Spaß.

Die Pferderennbahn von Sha Tin, einer jener aus Hunderten anonymer Wohntürme bestehenden Schlafstädte im Hinterland Hongkongs, läßt sich, wie vieles in der Finanzmetropole, nur in Superlativen beschreiben.

Sie ist nicht nur die modernste Rennbahn der Welt. An einem Tag wird hier mehr Geld umgesetzt als auf allen deutschen Rennbahnen im Laufe eines ganzen Jahres. 83 Milliarden Hongkong-Dollar verwetteten die glücksspielbesessenen Bewohner Hongkongs auf den Bahnen von Sha Tin und Happy Valley, der zweiten Dependance des noblen Hongkong Jockey Club, in der vergangenen Saison.

Unbeeindruckt von den Gedanken, die in diesen Monaten in allen Köpfen kreisen, scheinen sich die Besucher von Sha Tin dem von Rennen zu Rennen wiederholenden Spiel um Sieg oder Niederlage hinzugeben, unberührt erscheint auch die Alltagshektik in den Straßenschluchten der Geschäftsviertel Kowloon und Hongkong Island.

Und doch beschäftigt alle in diesen Monaten nur eine Frage: Wie geht es weiter, wenn Hongkong am 1. Juli nächsten Jahres an China zurückfällt?

Dann läuft der 99 Jahre geltende Pachtvertrag des britischen Empires für den Außenposten am Südchinesischen Meer ab, enden 155 Jahre Kolonialherrschaft. Fünfzig Jahre, so steht es in den Übergabeverträgen von 1984, soll der "geborgte Ort für eine geborgte Zeit" (Lord Palmerston) als Sonderverwaltungszone autonom bleiben, mit eigener Regierung, eigenem Rechtssystem und eigener Währung. Erst dann wird Hongkong zu einer normalen Provinz Chinas. Wie es die kommunistischen Machthaber im chinesischen Mutterland verstehen werden, wirklich mit dem zurückgekehrten Pflegekind umzugehen, darüber scheiden sich die Geister, trotz aller Beteuerungen der kommunistischen Machthaber in Peking, nicht am Status Hongkongs zu rütteln. Antiautoritäre Erziehung war jedoch noch nie eine Stärke chinesischer Kommunisten.

Eins steht jedoch schon heute fest. Es wird die größte und teuerste Party geben, die nächstes Jahr auf Erden gefeiert wird. Mehr als sechs Millionen Hongkong-Chinesen werden die Übergabezeremonie verfolgen, Politiker aus aller Welt und Zehntausende von Touristen.