Die Türkei gehört zu Europa, rief Bundespräsident Herzog am Montag dem türkischen Staatspräsidenten Süleyman Demirel zu.Am selben Tage mahnten Sprecher der Türkischen Gemeinde die staatsbürgerliche Integration der 2,3 Millionen Türken an, die seit Jahrzehnten bei uns leben.Sie gehören zu Deutschland. Die Türkei - ein Stück Europa?Die Gastarbeiter aus Anatolien - ein Stück Deutschland? Die Wurzeln des Problems reichen dreieinhalb Jahrzehnte zurück. Als Demirel jetzt auf Staatsbesuch kam, war es fast auf den Tag genau 35 Jahre her, daß die Vertreter beider Länder das erste Anwerbeabkommen unterzeichnet hatten.Die Mauer trennte Deutschland noch kein Vierteljahr, der Zustrom der Flüchtlinge aus der DDR war versiegt, das Wirtschaftswunder brauchte Arbeitskräfte, 550 000 offenen Stellen standen nur 180 000 Arbeitssuchende gegenüber. Im November 1961 kamen die ersten 2500 Türken ins Land.Und 1964 schloß dann die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft ein Assoziierungsabkommen mit Ankara, das den Türken die Zukunftsperspektive der Vollmitgliedschaft über kurz oder lang eröffnete. Mit Europa hat die Türkei seitdem ihre Schwierigkeiten gehabt. Drei Militärputsche in zwei Jahrzehnten, der letzte 1981, die Invasion Zyperns 1974 und die gewaltsame Teilung der Insel seit zwölf Jahren jetzt der erbarmungslos geführte Krieg gegen die (freilich ebenso erbarmungslos vorgehenden) kurdischen Separatisten Menschenrechtsverletzungen ohne Ende Folterung in den Gefängnissen, Todesschwadronen gegen freisinnige Geister völkerrechtswidrige Militärexpeditionen in den benachbarten Irak - auch demokratische Regierungen in Ankara haben die N erven und das Gewissen der Europäer stets maßlos strapaziert. Immer wieder einmal ist die Mitgliedschaft der Türkei in europäischen Gremien aufgehoben worden.Die Zollunion mit der Brüsseler Gemeinschaft ist wegen der vielfältigen osmanischen Verstöße gegen europäische Normen und Werte erst zu Beginn dieses Jahres in Kraft getreten. Dem Gelöbnis zur Besserung folgten bisher nur schwächliche Taten. Nicht von ungefähr beschwor der Bundespräsident "konstruktive Antworten, die den Prinzipien der Verhältnismäßigkeit, des Völkerrechts und der Menschenrechte entsprechen".Und nicht ohne Grund fuhren kritische Nichtregierungsorganisationen viel gröberes Geschütz auf. Süleyman Demirel versichert, sein Land orientiere sich weiterhin an den Werten des demokratischen Europa und wolle der Europäischen Union beitreten.Da unterscheidet er sich von dem gegenwärtigen Ministerpräsidenten Erbakan, der seinem Lande eine islamische Ausrichtung verpassen will.Aber Erbakans Wohlfahrtspartei ist mit ihren 21 Prozent eine Minderheit.Die Mittelklasse in den Städten, das Bürgertum, die meisten Intellektuellen denken wie Demirel. Doch die Türkei hat hier zweifellos eine Bringschuld.Sie kann ein Bollwerk westlicher Werte gegenüber dem islamischen Fundamentalismus sein, ein Vorposten der Demokratie, die Brücke zwischen Okzident und Orient, ein stabilisierender Faktor auch in einer unruhigen Weltregion.Aber dann müssen aus Absichten endlich Taten werden dann darf der zurückhängende Entwicklungsstand des Landes nicht ewig als Entschuldigung für unerträgliche Mißstände herhalten dann muß es aus seinen halbdemokratischen A nwandlungen, seiner gesellschaftlichen Zerklüftung, seiner vergiftenden Kurdenpolitik und seiner grobschlächtigen Zypernstrategie heraus. Umgekehrt haben die Deutschen eine Bringschuld, wo es um die Türken in Deutschland geht.Aus den 2500 zeitweiligen "Gastarbeitern" von 1961 ist mittlerweile eine tausendmal größere Gruppe von Dauergästen geworden.In Berlin allein leben 140 000 Türken - mehr, als 1683 im Heer Kara Mustafas vor Wien standen sechzig Prozent von ihnen sind schon im Lande geboren.Die meisten der 2,3 Millionen begreifen Deutschland als neue Heimat.Immer weniger wollen zurück - bis 1986 waren es jährlich 210 000, jetzt sind es nur noch 30 000. Auch ihre Überweisungen in die alte Heimat schrumpfen von Jahr zu Jahr.Sie investieren ihr Erspartes jetzt lieber in Deutschland. Wirtschaftlich sind sie längst integriert.Ihr Anteil an den Erzeugnissen "Made in Germany" ist unbestreitbar.Sie zahlen 2,5 Milliarden Mark an Rentenbeiträgen, 8,5 Milliarden an Lohn- und Einkommensteuer und 500 Millionen an Solidaritätsbeitrag.Im Jahre 1975 gab es hierzulande 100 türkische Unternehmer, heute sind es 41 000, in fünfzehn Jahren werden es 100 000 sein.Ihr Umsatz beträgt jetzt 34 Milliarden Mark, ihr Investitionsvolumen 8,3 Milliarden.Und sie investieren längst nicht mehr bloß in Döner-Buden und Änderungsschneidereien, sondern haben sich im Einzelhandel, auf dem Bausektor, in Brot- und Fleischfabriken, im Tourismus, Software-Service und Unternehmensberatung ihren Platz erobert. Dennoch leben die meisten in einem schändlichen Apartheidsystem. Sie dürfen Steuern zahlen, aber sie haben keine Stimme.Wir nennen sie "Mitbürger" in Wahrheit sind sie Bürger zweiter Klasse: Heloten. Noch herrscht der Köhlerglaube vor, sie gehörten nicht hierher und kehrten ja doch eines Tages nach Anatolien zurück.Aber sie gehören zu uns - und wollen auch zu uns gehören.In jedem Monat stellen 14 000 einen Einbürgerungsantrag.Genehmigt wird nur ein Bruchteil.Ginge es in dem Tempo weiter, das von 1977 bis 1990 im Schwange war (insgesamt 13 000 Einbürgerungen), so würde es 230 Jahre dauern, bis alle einen deutschen Paß hätten.Selbst bei der etwas großzügigeren Handhabung in den letzten Jahre n (1994: 2000 Einbürgerungen) würde die Eindeutschung noch 110 Jahre brauchen.Eine absurde Vorstellung. Wenn wir wirklich Integration wollen, dürfen wir die Einbürgerung nicht scheuen.Integration geht nicht ohne Einbürgerung.Aus Türken in Deutschland sind inzwischen deutsche Türken geworden, aus deutschen Türken werden Türkendeutsche.Das endlose Gehampel wegen der Doppelstaatsbürgerschaft ist schändlich.Bei englischen Lords, afrikanischen Fußballspielern und Millionen Aussiedlern aus Osteuropa stört uns das Doppelstaatlertum ja auch nicht.Warum also bei den Türken? Schlimm genug, wenn Rechtsradikale ihre Ausländerfeindlichkeit an ihnen auslassen.Aber ist die Haltung der CDU/CSU, die ihren Fremdenfrust in Paragraphenreiterei ausdrückt, so viel menschlicher? Die Türken im Lande sind keine Belastung, sondern eine Bereicherung. Sie bringen Fleiß, Farbe, Abwechslung ins Land.Und sie verdienen, so sie dies wollen, die deutsche Staatsangehörigkeit, nicht nur eine vage und diskriminierende Staatszugehörigkeit. Die Türkei kann ein Stück Europa werden, wenn sich am Ende durchsetzt, was achtzig Prozent der Türken ohnedies wollen: eine Demokratie ohne Schranken und Fesseln.Die Türken bei uns aber können ein Stück Deutschland werden, wenn wir ihnen ohne bürokratische Engherzigkeit und völkische Engstirnigkeit gewähren, was ihnen gebührt: unsere Staatsbürgerschaft.