Frankfurt

Nun ist Birgit Hogefeld verurteilt. Zu lebenslanger Haft, jenem Strafmaß, das sie selbst schon am ersten Tag des Prozesses vorhergesagt hatte. Nicht, weil sie von Anfang an ahnte oder wußte, daß man sie des dreifachen Mordes überführen würde, sondern weil das in ihrer Vorstellungswelt so sein mußte in diesem Staat, vor diesem Oberlandesgericht, bei einer bekennenden RAF-Frau.

Vor hundert Verhandlungstagen sah es so aus, als werde in Frankfurt ein ganz gewöhnlicher RAF-Prozeß abgespult: Die Angeklagte und die linksradikale Szene wähnten eine Rachejustiz am Werk und sammelten fleißig Belege im Verhalten einer eifrigen, bisweilen übereifrigen Bundesanwaltschaft und eines schläfrigen, scheinbar desinteressierten Gerichts. Man beharkte sich kräftig und geiferte im Gerichtssaal herum. Es schien, als wären die Beteiligten von Wiederholungszwang ergriffen, als müßten sie den Prozeß wie einen Klassiker aus den achtziger Jahren neu inszenieren - gerade so, als hätten sich die Zeiten nicht geändert.

Haben sie aber. Und deshalb konnte aus dem Prozeß am Ende doch mehr werden als ein bleiernes Ritual. Bloß lange gedauert hat es. Birgit Hogefeld brauchte 22 Monate, um sich vorzutasten.

In jeder Prozeßerklärung ging sie ein Stückchen weiter, bis sie - vergangene Woche - der RAF die Selbstauflösung empfahl und deren blutige Geschichte als Irrweg titulierte. Erstmals sprach da ein RAF-Mitglied öffentlich und ausführlich vom Leid der Opfer.

Auch das Gericht hat seinen Teil beigetragen zur Entkrampfung, indem es Birgit Hogefeld von dem hanebüchenen Vorwurf entlastet, Mitmörderin des Polizeibeamten Michael Newrzella zu sein, der am 27. Juni 1993 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen erschossen worden war. Mit ihrem Lebensgefährten, dem RAF-Mitglied Wolfgang Grams, ging Hogefeld damals durch die Bahnhofsunterführung, als Polizisten sie überwältigten. Grams konnte zunächst auf einen Bahnsteig flüchten, wo eine wilde Schießerei einsetzte. Am Ende blieben Grams und der Polizist Newrzella tödlich getroffen liegen. Die folgende Untersuchung offenbarte ein schier unglaubliches Ausmaß behördlicher Schlamperei. Immerhin so viel glaubte das Gericht schließlich sagen zu können: daß es Grams war, der den Polizisten erschoß.

Bis zuletzt bestand die Bundesanwaltschaft darauf, daß diese Tat auch Birgit Hogefeld zuzurechnen sei. "Sie und Grams waren sich für den Fall einer drohenden polizeilichen Festnahme einig, sich gegenseitig Unterstützung und Schützenhilfe zu geben und sich den Fluchtweg freizuschießen." Es habe also einen "gemeinschaftlichen Tatplan" gegeben, wie er bei RAF-Mitgliedern immer anzunehmen sei.