Madagaskar brennt.Jedes Jahr vor der Regenzeit setzen die Bauern im zentralen Hochland die trockene Savanne in Flammen.Die frische Asche düngt den Boden, und sobald die ersten Tropfen fallen, sprießt neues Grün: Weidegrund für die wertvollen Zebus.Je mehr Zebus ein Madagasse besitzt, um so angesehener ist er in der Dorfgemeinschaft. Mittlerweile leben auf der Insel vor der afrikanischen Ostküste fast genauso viele Zebus wie Einwohner - etwa zehn Millionen. Ein verhängnisvoller Reichtum: Die Rinder überweiden die dünne Grasnarbe, das Feuer gibt dem Boden den Rest.Die entblößte Erde wird mit dem nächsten Sturm davongetragen.Fingerförmig durchschneiden tiefe Erosionsrinnen die Hänge.Lavaka nennen Madagassen die ziegelroten Wunden der Berge.Der Regen reißt Schlamm und Geröll mit ins Tal, so daß dort die fruchtbaren Reisfelder versanden.Ist das Weideland nach einigen Jahren völlig ausgelaugt, ziehen die Bauern mit ihren Rinderherden wei ter und brennen das nächste Stück Wald oder Savanne ab. Aus der ile verte, der ehemals grünen Insel, wird mit der Zeit eine verbrannte ile rouge.Die Weltbank bescheinigt Madagaskar, den Rekord an Erosionsschäden zu halten.Vier Fünftel der Insel sind bereits verödet.Doch Madagaskar ist kein Einzelfall.Im gesamten Tropengürtel breiten sich die Wüsten aus.Weltweit sind dreißig Prozent der Landfläche von Verwüstung bedroht. Afrikanische Staaten brachten deshalb 1992 auf der Umweltkonferenz in Rio de Janeiro eine internationale Konvention zur Bekämpfung der Desertifikation auf den Weg.Mittlerweile haben mehr als hundert Länder die Wüstenkonvention unterzeichnet, in Kraft tritt sie voraussichtlich gegen Ende des Jahres.Doch schon jetzt verlangen Bodenschützer ein weiter reichendes Vertragswerk: Eine Konvention für nachhaltige Landnutzung soll auch die Böden in humiden und gemäßigten Breiten schützen, die von der Wüst enkonvention nicht erfaßt werden.Doch der reglementierte Bodenschutz stößt auch auf Gegenstimmen.Kritiker bezweifeln, daß internationale Vereinbarungen die von Land zu Land völlig unterschiedlichen Probleme lösen können. Gegen Erosion, Versiegelung und Versalzung helfe kein Vertrag. Auch der Boden sei wie Luft und Wasser ein globales Gut, meint Hans Hurni, Präsident der Weltvereinigung für Boden und Wasserschutz: "Auf ihm gedeihen die Lebensmittel der Weltbevölkerung."Wir trinken Kaffee und Tee aus südamerikanischen Plantagen, unsere Kleidung wächst auf indischen Baumwollfeldern, japanische Wegwerf-Eßstäbchen stammen aus den Regenwäldern Südostasiens, und afrikanischer Futtermais wandert in die Mägen der europäischen Rinder. Boden ist ein gefährliches Medium."Ein einziger Sturm kann leicht einen Millimeter Boden über Nacht davontragen", sagt David Pimental von der amerikanischen Cornell-Universität.Zunächst scheint das nicht sehr viel zu sein, doch auf einen Hektar hochgerechnet bedeutet es schon einen Verlust von fünfzehn Tonnen fruchtbarer Ackerkrume. Bis Bodenlebewesen die verlorene Erde auf natürliche Weise nachgebildet haben, vergehen Jahrhunderte.Auch die Farben der großen Ströme, der rötlich-braune Ganges, der Gelbe Fluß in China und der tiefbraune Mississippi, verraten, daß weltweit die Äcker davonschwimmen. Jedes Jahr geht die unvorstellbare Menge von 24 Milliarden Tonnen Ackerboden buchstäblich den Bach hinunter.In den Ländern des Südens, wo schon heute viele Menschen hungern, sind die Verluste am größten. "Die Zerstörung der Böden wird in den nächsten zwanzig Jahren zu einer globalen Bedrohung anwachsen", prognostiziert Hans Hurni. Dennoch sei der Boden ein vernachlässigtes Thema: "Dreckige Luft riechen wir sofort, schmutziges Wasser können wir nicht trinken, aber zum Boden fehlt uns Städtern der unmittelbare Kontakt."Die Schäden sind selten spektakulär, doch meist gehen sie schleichend voran. Rund anderthalb Milliarden Hektar Ackerland haben die Bauern der Welt unter dem Pflug.Fast ein Drittel davon ist bereits geschädigt: Durch künstliche Bewässerung versalzen die Felder, schwere Maschinen verdichten die Böden, und die intensive Landwirtschaft laugt die Ackerkrume durch Überweidung und massiven Einsatz von Chemikalien aus.Mehr als fünf Millionen Hektar Acker werden jedes Jahr für immer aufgegeben - eine Fläche so groß wie Belgien oder Holland. Seit drei Jahren gehen die weltweiten Ernteerträge zurück, und das bei einer dramatisch wachsenden Weltbevölkerung. In der Vergangenheit war die intensive Landwirtschaft an steten Erfolg gewöhnt.Der Einsatz von hochgezüchtetem Saatgut, immer mehr Dünger, Agrarchemikalien und moderner Technik ermöglichte die sogenannte grüne Revolution: Jahr für Jahr fuhren die Landwirte mehr Getreide in ihre Silos ein.Die Produktivität wuchs um drei Prozent jährlich - und damit stärker als die Weltbevölkerung. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war allerdings schon 1980 erreicht: Rund 350 Kilogramm Getreide standen damals für jeden Menschen zur Verfügung.Seither sinkt die verfügbare Menge.Mittlerweile haben wir mit 290 Kilogramm pro Kopf fast wieder den Stand von 1950 erreicht."Und damals gab es weltweit sehr viele Hungersnöte", warnt Hans Hurni.Auch die Reserven in den Getreidespeichern der Welt sind so knapp bemessen wie noch nie: Vor der diesjährigen Ernte reichten sie nur für knapp fünfzig T age. Schuld daran ist allerdings nicht nur die rapide wachsende Weltbevölkerung. Auch unser zunehmender Appetit auf Fleisch sorgt dafür, daß die Getreidesilos schneller leer werden.Mehr als ein Drittel der Welternte wandert jedes Jahr in die Futtertröge von Rindern, Schweinen und Hühnern.Statt des Viehs könnten zwei Milliarden Menschen davon satt werden, denn wenn wir unser täglich Brot auf dem Umweg über den Rindermagen zu uns nehmen, verschleudern wir rund neunzig Prozent der im Getreide enthaltenen Kalorien.Vor allem in den Industrienationen ist der Fleischkonsum zu h och. Eine Umkehr ist jedoch nicht zu erkennen, ganz im Gegenteil: Sobald in Ländern wie China oder Thailand das Bevölkerungswachstum zum Stillstand kommt und sich allmählich Wohlstand breitmacht, geben die Menschen ihren neuen Reichtum auch für Hamburger, Klopse und Steaks aus. Der Kreislauf aus schlechten Ernten, intensiver Landwirtschaft und Bodenschäden führt vor allem in den bevölkerungsreichen Ländern des Südens dazu, daß immer neues Land unter den Pflug genommen wird: In den Tropen werden die Regenwälder gerodet, obwohl die dünne Humusschicht nur wenige Ernten zuläßt, in Bangladesch und Vietnam bepflanzen Bauern Küstenzonen, die regelmäßig vom Salzwasser überflutet werden, und in Nepal oder auf den Philippinen beackern sie selbst Steilhänge und trockene W üstenzonen - und zwar so lange, bis Luft und Wasser die fruchtbare Erde unwiederbringlich davongetragen haben. Große Bewässerungsprojekte sollen unterdessen Trockenregionen in "blühende Landschaften" verwandeln.Im amerikanischen Mittleren Westen etwa, dem Brotkorb der Welt, werden fossile Grundwasserreservoirs, die sich in Jahrhunderten gebildet haben, innerhalb weniger Jahrzehnte leergepumpt.Die Folge könnte eine gefährliche Abhängigkeit von Nahrungsmitteln sein, die nicht langfristig gesichert sind. Auch in der ehemaligen Sowjetunion pressen die Landwirte dem Boden mit kurzfristigem Raubbau hohe Erträge ab.Dramatische Folge ist dort das allmähliche Austrocknen des Aralsees: Seit Jahren werden zwei Hauptzuflüsse des Sees für die Bewässerung der sogenannten Hungersteppe in Kasachstan und Usbekistan umgeleitet.Nur noch fünf Prozent ihres Wassers kommen im See an.Einst so groß wie die Schweiz, ist der Aralsee inzwischen auf ein Drittel seiner Größe geschrumpft.Das endgültige Austrocknen ist n icht mehr aufzuhalten - ein hoher Preis für riesige Baumwoll- und Weizenfelder in der Steppe.Dabei ist auch hier die Ernte keineswegs auf Dauer gesichert, denn durch die künstliche Bewässerung versalzen die Böden.Aus der Hungersteppe wird im Laufe d er Jahre eine Salzsteppe. In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion entstehen zur Zeit die ersten nationalen Aktionspläne gegen die Bodendegradation - eine Grundlage für künftige Maßnahmen im Rahmen der Wüstenkonvention. Doch so unterschiedlich wie die Probleme in den verschiedenen Regionen der Welt sind auch die Ansätze zu ihrer Lösung.Patentrezepte gibt es nicht.Trotzdem haben internationale Vereinbarungen einen Sinn, meint Hans Hurni: "Lösen können wir die Probleme nur durch angepaßte Projekte direkt am Ort, doch weltweit müssen wir die richtigen Rahmenbedingungen schaffen."Dazu gehören Weltmarktpreise, die nicht künstlich niedrig gehalten werden, und ein freier Zugang zu den Märkten - auch für die Entwicklungsländer.Entscheidend aber ist, daß Bauern in aller Welt die Möglichkeit bekommen, ihr Land nachhaltig zu bewirtschaften.Wenn in manchen Ländern selbst Besitz- und Nutzungsrechte am Boden nicht klar geregelt sind, ist kurzfristig er Raubbau eine zwangsläufige Folge. In Bangladesch etwa werden die knappen Ackerflächen nach jeder großen Sturmflut neu verteilt und von landlosen Bauern besetzt. Von dem Alltag der Bevölkerung in den armen Ländern sind internationale Konventionen meilenweit entfernt.Viele Entwicklungsprojekte schlugen in der Vergangenheit fehl, weil westliche Wissenschaftler Tradition und Lebensweise der Bevölkerung außer acht ließen.In Afrika etwa, wo Frauen achtzig Prozent der Nahrungsmittel produzieren, sprachen die Agrarplaner aus dem Westen nur mit der männlichen Bevölkerung. Männer bekamen die Schlüssel für Trecker und Landmaschinen, ihnen wurde das neue Saatgut ausgehändigt.Doch sobald die Entwicklungshelfer aus dem Ausland wieder abgeflogen waren, kehrten die Afrikaner zu ihrer angestammten Lebensweise zurück.Die Frauen beackern die Felder weiter mit der Hacke, das moderne Gerät verrottet ungenutzt. "Partizipation steht zwar mittlerweile in allen Entwicklungsplänen, doch wenn es wirklich darum geht, Lösungen zusammen mit der lokalen Bevölkerung zu entwickeln, sieht das noch immer ganz anders aus", kritisiert Jules Pretty vom Internationalen Institut für Umwelt und Entwicklung in London.Doch allmählich lernen die Verantwortlichen aus den Fehlern der Vergangenheit.Erstmals erkennt die Wüstenkonvention an, daß die lokale Bevölkerung den Schlüssel zur Lösung ihrer Probleme in Händen häl t.In diesem Punkt wird die Konvention selbst von Vertretern nichtstaatlicher Organisationen gelobt.Doch entscheidend für den Erfolg ist, daß die schönen Worte auch in die Praxis umgesetzt werden."Und da sind vor allem wir gefordert", sagt die sel bstbewußte Bäuerin Cecilia Violeta Makota. In Sambia hat sie die Organisation Frauen in der Landwirtschaft gegründet.Anders als viele, die sich in Universitäten und Parlamenten mit dem Boden beschäftigen, haben die Bäuerinnen den Kontakt zur Erde noch nicht verloren.Auf ihren Feldern wachsen keine hochgezüchteten und durstigen Sorten, sondern traditionelle, an Trokkenheit angepaßte Feldfrüchte: Hirse, Linsen, Maniok und verschiedene Gemüse.Die Frauen verzichten auf teuren chemischen Dünger und benutzen statt dessen Kompost.Der Ertrag ern ährt die Dorfgemeinschaft, und es bleibt auch noch genug Getreide für den Verkauf übrig.Geld, das nicht in teures Saatgut fließt, sondern auch für soziale Zwecke zur Verfügung steht. Von Wissenschaftlern und Politikern verlangen die Bäuerinnen keine abgehobenen Pläne, sondern unmittelbar Hilfe, zum Beispiel Informationen über Kompostierung, Bodenbearbeitung und die Auswahl des richtigen Saatgutes."Denn wir sind diejenigen, auf die es ankommt", sagt Violeta Makota, "erst unsere Arbeit auf den Feldern entscheidet, ob die Ideen und Experimente der Forscher gut oder schlecht waren."