Alles ist im Wandel, nur die Gewerkschaften bleiben, wie sie sind: So war es lange Jahre.Mochte sich die Wirtschaft des Landes noch so sehr ändern, mochten alte Branchen untergehen und neue entstehen, die Arbeitnehmerorganisationen blieben den Strukturen verhaftet, die sie sich nach dem Krieg gegeben hatten.Tradition verpflichtet, und schließlich weiß auch der Funktionär gern, woran er ist. Doch mit der Gemütlichkeit ist es vorbei.Was noch vor einigen Jahren als bloßes Gedankenspiel erschien, könnte in absehbarer Zukunft Realität werden: daß von den sechzehn Einzelgewerkschaften, die es innerhalb des DGB noch vor kurzem gab, nur eine Handvoll Großorganisationen übrigbleiben.Dies wäre mehr als eine reine Organisationsreform - es bedeutete einen grundlegenden Wandel in der ältesten Arbeiterbewegung der Welt. Den Anfang machte Hermann Rappe, bis September 1995 Vorsitzender der IG Chemie.Wenn die Gewerkschaften die Zukunft meistern wollen, mahnte er schon vor Jahren, müßten sie sich zu sechs bis acht schlagkräftigen Organisationen zusammenschließen.Daß Rappe mit seiner Meinung innerhalb des DGB ziemlich alleine dastand, konnte ihn nicht beirren, dergleichen war er gewohnt.Konsequent und auf lange Sicht betrieb er die Fusion seines Hauses mit der IG Bergbau und Energie sowie der kleinen Gewerksch aft Leder, die im kommenden Jahr endgültig vollzogen wird.Die IG Bau zog nach und schluckte die marode Gartenbaugewerkschaft. Richtig eröffnet war das große Fressen aber erst, als im vergangenen Jahr IG-Metall-Chef Klaus Zwickel, bis dahin ein Gegner von Fusionen, meinte, am Ende würde es wohl nur drei Industriegewerkschaften sowie je eine für öffentliche und für private Dienstleistungen geben.Allen war klar, daß die mächtigen Metaller bei diesem Prozeß nicht nur zuschauen würden.Mittlerweile ist beschlossene Sache, daß sie die Gewerkschaft Textil und Bekleidung (GTB) übernehmen, und auch Eisenbahner und Postler wü rden sie wohl gern unter ihr großes Dach locken.In der vergangenen Woche nun kündigten IG Medien, die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen sowie die Postgewerkschaft einen neuen Verbund an, der zur Keimzelle einer modernen Dienstleistungs organisation werden soll. Die Argumente für den neuen Hang zur Größe leuchten ein: Mit den Mitgliederzahlen schrumpfen auch die Finanzen der Gewerkschaften. Kleine Organisationen können auf Dauer allein kaum überleben, zumindest in den Betrieben und den Regionen nicht so präsent sein, wie es nötig ist, um neue Beitragszahler zu gewinnen.Zudem wächst, so hoffen die Funktionäre, mit der Größe das politische Gewicht - ein entscheidendes Kriterium zum Beispiel für die Bergbauer, deren Jobs weitgehend von öffentlichen Subventionen abhängen. Und schließlich entstanden in der Vergangenheit Branchen und Berufsbilder, von denen Ende der vierziger Jahren niemand etwas ahnte und die nur schwer in den traditionellen Gewerkschaftszuschnitt einzuordnen sind: etwa neue Dienstleistungen, Telekommunikation, Umwelttechnik. Die Folge war bislang entweder ein häßliches Gerangel um die Mitglieder - oder aber niemand fühlte sich für die Zukunftsbranchen zuständig. Je größer künftig die Organisationen, desto weniger Abgrenzungsstreit wird es geben. Aber natürlich geht es auch um Macht innerhalb des DGB, und die mißt sich nun mal an der Mitgliederzahl.So folgen nicht alle Fusionen strenger Rationalität.Daß etwa die GTB, die auch mit anderen Gewerkschaften verhandelte, bei der IG Metall untergeschlüpft ist, amüsiert manchen im DGB, weil die Metaller nun auch Wäschereien und Textilhändler organisieren.Doch die IG Metall zahlt ihre Funktionäre besser als alle anderen - offenbar ein schlagendes Argument.Das Beispiel bestätigt aber auch jene in ihren Zweifeln, die gegen Fusionen sind: Je wahlloser die Branchen zusammengewürfelt sind, so ihre Befürchtung, desto weniger Identifikationskraft haben die Gewerkschaften.Eine andere Sorge: Weil einige Zusammenschlüsse vor allem nach der politischen Orientierung ihrer Vorleute geschneidert sind, könnte es künftig geben, was es eigentlich nach dem Willen des DGB nicht geben soll: Richtungsgewerkschaften statt der Einheitsgewerkschaft. Die Fusionswelle wird auch jene in ihren Sog ziehen, die lieber alleine blieben.Denn zwischen wenigen Großen werden die verbleibenden Kleinen nicht bestehen können.Dies gilt um so mehr, da die Macht des DGB als Holding der Gewerkschaften, ohnehin ein fragiles Gebilde, weiter schwinden wird.Wird dann noch, was die einen fordern und die andern fürchten, der Rechtsschutz als wichtigste und teuerste Dienstleistung des DGB auf die Einzelgewerkschaften übertragen, können sich die Kleinen ihre Eigenstä ndigkeit schlicht nicht mehr leisten. Bitter ist für manchen Funktionär, daß nun Organisationen mit einer mehr als hundertjährigen Geschichte von der Bildfläche verschwinden. Doch eine Alternative gibt es wohl nicht mehr.Auch in den Gewerkschaften zählt Betriebswirtschaft heute mehr als Sentimentalität.Tradition ist ein ehrenvolles Gut - doch potentiellen neuen Mitgliedern, ohne die die Gewerkschaften nicht überleben können, ist sie im Zweifel herzlich egal.Der DGB-Kongreß in der kommenden Woche sollte nach einer Konzeption für eine zukunftsfähige Organisationsreform suchen.Andernfalls gäbe es ein wildes Hauen und Stechen, und jener Gewerkschafter behielte re cht, der sarkastisch meint: "Am Ende fusionieren wir alle mit der IG Metall und nennen das Ganze DGB."