GÖTTINGEN. - Die FDP steht im Wort: Von nun an keine Steuererhöhungen mehr. Aber wer gibt schon viel auf das Wort von deutschen Liberalen?

Kommt es zum Schwur, dann fallen sie regelmäßig um. So hat man es immer wieder mit ihnen erlebt, damit rechnen die meisten wohl auch für die Zukunft. Schließlich war die Beteiligung an der Regierung noch stets die raison d'etre der FDP. Sie brauchte die Zuarbeit, die Infrastruktur, das Personal der Ministerien, da ihr selbst effiziente eigene Parteistrukturen fehlen. Und gewählt worden ist sie immer wieder als Funktionspartei, die Koalitionen bildet, und als Korrektivpartei, die den jeweils großen Partner bändigt.

Zur Opposition hingegen drängte es sie nie. Für die Opposition taugten Freie Demokraten vom Schlage Mende, Genscher und Solms auch nicht.

So jedenfalls kannte man die selbsternannten Liberalen. Aber in diesen neunziger Jahren ist vieles in Bewegung. Auch die Position der FDP. Die Freien Demokraten wissen, daß sie nicht mehr umfallen dürfen. Das Trauma von 1961 wirkt nach. Aber es ist nicht entscheidend.

Entscheidend ist, daß die Freien Demokraten bei den Steuererhöhungen nach der Bundestagswahl 1990 eingeknickt sind, daß sie die Pflegeversicherung geschluckt haben. Das hat ihnen das deutsche Bürgertum ernsthaft übelgenommen. Dadurch gerieten sie Anfang der neunziger Jahre in ihre bislang schlimmste Existenzkrise. Das sitzt tief in den Knochen.

Die Freien Demokraten wissen, daß sie die Kehrtwende aus dem Tal der Tränen allein ihrer rigorosen Antisteuerkampagne zu verdanken haben. Sie ist die einzige politische Ressource, die die Partei noch am Leben hält. Diese Quelle muß weiter sprudeln, koste es, was es wolle. Koste es auch den Weg in die Opposition? Solchen Mumm traut man den Freien Demokraten nicht recht zu.

Dabei: Angst vor der Opposition braucht die neu profilierte FDP heute nicht mehr zu haben. Sie wird dort Interesse finden und in dieser Rolle nicht untergehen. Die neunziger Jahre sind nicht mehr die fünfziger oder sechziger Jahre. Das mittlere Bürgertum in Deutschland ist nicht honoratiorenhaft-konservativ, nicht mehr staatstragend auf Regierungsbeteiligung fixiert. Es ist in Deutschland - wie auch anderswo in Europa - staatsverdrossen. Überall in Europa läuft das Kleinbürgertum bereits denjenigen Parteien hinterher, die aus der Opposition heraus den Steuerstaat frontal unter Feuer nehmen, die die "Parteienkartelle an der Macht" rücksichtslos attackieren.