Alexander Fischer bringt das Problem auf den Punkt: "Die Leute hier machen Polenwitze, und die Polen machen das Geschäft." Seit mehr als einem Jahr pendelt der junge Hamburger über die Oderbrücke zwischen seiner preisgünstigen Bleibe im polnischen Slubice und seinem Arbeitsplatz in Frankfurt an der Oder. Fischer ist Dekanatsassistent an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der deutsch-polnischen Europa-Universität Viadrina. Unterschiede? Für den Ökonomen Fischer liegen sie auf der Hand: "Die Polen können mit den Deutschen, und deswegen geht's da drüben bergauf. Bei uns dagegen wird buchstäblich eine Chance nach der anderen verschnarcht. Daß man an den Polen verdienen kann, das ist hier kein Thema."

Wenn es sich ergibt, begegnet Fischer auf dem Heimweg einem anderen Außenseiter: dem Polen Krzysztof Wojciechowski. Mit einer Deutschen verheiratet, wohnt der gebürtige Posener in Frankfurt an der Oder, arbeitet aber als Viadrina-Angestellter in Slubice. Der tagtägliche Umgang mit der neubundesdeutschen Realität gibt auch Wojciechowski zu denken: "Wer die polnische Kundschaft dermaßen mißachtet und nicht merkt, welch schweren wirtschaftlichen Schaden er sich selbst dadurch zufügt, dem ist nicht zu helfen."

Vorurteile machen blind, das Gegen-den-Strom-Denken a la Fischer oder Wojciechowski hat kaum Konjunktur im strukturschwachen, aber zugleich subventionsverwöhnten ostdeutschen Grenzland. Wo der Stammtisch-Spruch "Bei den Polen gibt's nichts zu holen" immer noch das Denken prägt, ist auch im Jahr sieben nach Öffnung der Ostgrenze kein Platz für den naheliegenden Versuch, bei den Polen zu holen, was man bei ihnen tagaus, tagein ausgibt. Und das ist nicht wenig.

Der Preisvorteil sorgt für Bewegung. Bis zu fünf Milliarden Mark, so die gewagtesten Schätzungen, geben ostdeutsche Einkaufstouristen jedes Jahr unmittelbar hinter der polnischen Grenze aus. "Für uns ist das deutsche Geld, daß sie zu uns bringen, ein Segen", sagt Czeslaw Rekret, Chef des Slubicer Markthändlerverbandes und reibt sich die Hände.

Das Geschäft läuft prächtig. Rekret und die anderen etwa 800 Krämer verkaufen auf dem Slubicer Basar Unmengen Butter, Käse, Wurst, Zigaretten, Bettwäsche, Kleidung, Plastikpalmen, Gartenzwerge.

Die polnischen Preise sind so, daß sie nicht nur den kurzen Fußweg von Frankfurt an der Oder nach Slubice über die Oderbrücke, sondern auch die Anreise vom siebzig Kilometer entfernten Berlin lohnen.

"An guten Wochenenden haben wir hier bis zu 30 000 Deutsche", Rekret greift nach dem Taschenrechner. "Wenn jeder von ihnen nur hundert Mark ausgibt, werden an diesen Holztischen, Metallcontainern, in Imbißbuden und an den umliegenden Tankstellen in zwei Tagen immerhin drei Millionen Mark umgesetzt."