Schon 1926 unkte Lew Trotzkij, der feinsinnige Intelligenzler mit einem Revolver im Knopfloch, der Kommunismus tue nichts anderes, als den Boden für einen neuen Kapitalismus zu bereiten. Der Pate der Permanenten Revolution sah allerdings nicht voraus, daß die ersten, die das Feld bestellen sollten, just die Enkelkinder seiner Kampfgenossen sein würden. Über dem Gerede von der Gefahr einer Ansteckung durch die kapitalistische Ideologie hatten die rumänischen Genossen Doktoren für Marxismus lange vor dem Ende Ceauçescus ihr eigenes Immunsystem vernachlässigt. Als sie dann ihre Kinder in den Westen sandten, den Patienten vor Ort in Augenschein zu nehmen, ließen diese sich lustvoll von der Tsetsefliege der Konsumgesellschaft stechen, wodurch ihre Wachsamkeit betäubt wurde.

So tauchte in Bukarest schon zur Blütezeit des Stalinismus eine erste Insel westlichen Wohlstands auf, und zwar im Nobelviertel der Politruks. Dort lernten die Nachkommen der kalten Krieger die Markennamen von Blue jeans, Whisky und Sportwagen noch vor dem Alphabet, während im übrigen Bukarest Brot nur gegen Lebensmittelmarken zu haben war.

Auf die Frage, wie eine Kuh aussehe, antwortete der Sproß eines Parteifunktionärs, eine Kuh sei eine Blechdose, auf der etwas Englisches geschrieben stehe und die dem Volk Milchpulver gebe.

Im übrigen vergriffen sich in dieser Gegend nicht einmal die Katzen an den Mäusen, weil sie so fürchterlich nach Roquefort stanken.

Bei allem Gegackere über Recht, Freiheit und Wohlstand der Arbeiterklasse trachteten die Verantwortlichen des kommunistischen Infernos, ihre Kinder vor den Weihen des Blaumanns zu bewahren, hätten die sich doch mit dem Hammer auf den Finger hauen oder mit der Sichel schneiden können. So kam es, daß die Spezies des Parteifunktionärs nach der Erschießung Ceauçescus im Dezember 1989 beneidenswerte Widerstandskraft und Anpassungsfähigkeit an den Tag legte.

Beim Kreuzzug der Bergarbeiter gen Bukarest, den die neuen Machthaber aus der alten Partei im Frühling 1990 inszenierten, hieß die meistgebrüllte Losung der über alle Maßen empörten Demonstranten: "Wir verkaufen unser Land nicht!" Nachdem sie die Bevölkerung solcherart davon überzeugt hatten, daß unser Land nicht für Dollar oder Mark an ausländische Investoren verkauft werden durfte, sahen sich die ehemaligen Parteifunktionäre und Securisten gezwungen, es für einen Pappenstiel selbst zu kaufen und sich aus tief empfundener Liebe zum Vaterland zu bereichern. So gelangten die wichtigsten Hotels, Tankstellen, Möbelfabriken, die großen Kaufhäuser, Werften, Treibhäuser, Banken und Wurstfabriken zu neunzig Prozent in die Hände von Ideologiewächtern des alten Regimes.

Rumänien ist da allerdings keine Ausnahme: Auch in anderen osteuropäischen Ländern besteht die Finanzoligarchie nicht aus Musikern, Meteorologen, Postbeamten oder Dichtern. Beeindruckend ist lediglich die Behendigkeit, mit der die Schicht der ehemaligen Funktionäre vor vier Jahren von den populistisch-nationalistischen Losungen abgerückt ist.