BERLIN. - Wenn sich in der Hauptstadt ein Stadtteil verändert hat und weiter verändern wird, dann ist das Kreuzberg. Bisher als Klein-Istanbul verkannt und für seine ach so langen Nächte besungen, wandelt es sich derzeit zu einem Wohnviertel, das auch für Beamte taugt. Ein großes Automobilhaus hat bereits seinen silbern glänzenden Salon errichtet und die einstige Arbeiterpartei eine postmoderne Zentrale, die keinesfalls mehr an eine Baracke erinnern soll. Schräge Klamottenläden und verrauchte Szenekneipen verschwinden, während Ristoranti und Cantinas im eisdielenfrischen aprikosen- oder lachsfarbenen Design hergerichtet werden. Ja, selbst der Dönerkebab kostet heute eine Mark mehr als in den (tr)ostlosen Zeiten.

Auch wenn's viele hier ärgert: Das Leben in der Mauernische ist schon Geschichte - und zwar nur ein kleiner Teil davon. Denn: Kreuzberg feiert bis Ende Dezember seinen 75. Geburtstag, mit Kabarett und Konzerten, Diskussionen zur Stadtentwicklung und Kiezspaziergängen. Im Zentrum des kleinen Jubiläums steht allerdings die Ausstellung "made in Kreuzberg". In zwei Räumen dokumentiert das Kreuzberg-Museum, welch unterschiedliche Produkte in diesem Stadtteil hergestellt und verkauft wurden - von den edlen Sarotti-Pralinen bis zu den schönen Scheinen der Bundesdruckerei.

Angefangen hat die Industriegeschichte Kreuzbergs schon Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Gegend noch Luisen-, südliche Friedrichstadt und Tempelhofer Vorstadt hieß. Elektrotechnikfirmen wie Siemens & Halske bauten hier ihre ersten großen Werke, bevor sie weiter an den damaligen Stadtrand zogen. Besonders die Kriege 1864, 1866 und 1871 sicherten den Unternehmen gute Geschäfte, denn sie durften im Auftrag des Königs Waffen und Eisenbahnen, Straßen und Kanäle bauen. Seit der Reichsgründung zogen Hunderttausende vom platten Land in die Hauptstadt, weil sie sich hier Arbeit und Lohn erhofften. Oft genug jedoch wurden sie mit wenig Geld, feuchten Quartieren und kaputten Knochen belohnt. Mit den billigen Arbeitskräften zogen auch viele Firmen nach Berlin, nicht wenige davon ins aufstrebende Kreuzberg. 1906 errichtete dort B. Muratti Sons & Co. eine große Zigarettenfabrik und brachte sogar türkische Tabakdreher mit, die, konzentriert über ihre streng gezwirbelten Schnurrbärte blickend, Zigaretten rollten - wie eines der Photos in der Ausstellung zeigt. Darunter liegt die gediegene rot-blaue Muratti-Dose, die, laut Katalog, "auf den Tisch eines Restaurants gelegt, so gut wie eine Kreditkarte" gewesen sei: Da hat sich das Rauchen noch gelohnt.

Die Mitte des Raums nimmt ein schwarzer, blank polierter Flügel von Bechstein ein. Auf solch einem Piano spielte 1856 Hans von Bülow, der später als erster Dirigent die Berliner Philharmoniker leitete. Er war von dem Flügel hellauf begeistert, zumal selbst ein Liszt-Stück ihn nicht zusammenbrechen ließ (wie manchen Flügel zuvor). Diese Qualität war kein Zufall: Zehn Jahre hatte Carl Bechstein auf Lehr- und Wanderjahren alles gelernt, was er damals über das Klavierbauen erfahren konnte. Damit der Rahmen die Spannkraft der Saiten aushielt, ließ er ihn aus Eisen gießen, die Tastenmechanik hatte er von französischen Vorbildern übernommen und die kreuzsaitige Bespannung vom Konkurrenten Steinway. Die nötigen Einzelteile für den Bau eines Flügels sind heute fast unverändert die gleichen und hängen, anschaulich aufgereiht, in einer Vitrine.

Doch die bewundernswerte und erfolgreiche Bechstein-Geschichte hat auch eine düstere Seite: Schon in den zwanziger Jahren fuhr Helene Bechstein mit Winifred Wagner nach Landsberg, um den Häftling Adolf Hitler zu besuchen. Dankbar dafür, schenkte er Helene später ein Manuskript von "Mein Kampf" und besuchte sie mit Goebbels gern im Bechsteinschen Salon. Wohl wegen dieser Nähe zu den Führern der NS-Diktatur beschlagnahmten die Amerikaner nach Kriegsende die Mehrheit der Bechstein-Aktien und verkauften sie an einen amerikanischen Klavierbauer aus Cincinnatti.

Nach 1945 standen viele Unternehmer vor den Trümmern ihrer Betriebe: So ragten vom ehemaligen Zeitungsviertel nur noch ein paar Fassaden in den Himmel. Das Vorwärts-Gebäude war dem Erdboden gleich - und ist es heute noch, als Parkplatz für die Mitarbeiter des Axel Springer Verlags. Einzig die ehemalige Reichs- und spätere Bundesdruckerei nahm dort ihre Arbeit bald wieder auf - um Geld, Pässe und Briefmarken zu drucken. Trotz Staatsaufträgen ist sie nicht mehr ausgelastet.

Also machte man sich auf die Suche nach neuen Abnehmern und war vorerst im Nahen Osten erfolgreich: Die Pässe und Briefmarken der palästinensischen Autonomiegebiete wurden hier gedruckt - "made in Kreuzberg".