Die Geschichte der Absturztragödie vor der Küste der Dominikanischen Republik am 6. Februar dieses Jahres begann mit einem kleinen Rohr - dem sogenannten Pitotrohr, zu deutsch Staudruckrohr. Über dieses Meßsystem erhalten die Bordcomputer der Boeing 757 beim Startvorgang und im Flug die Geschwindigkeitsdaten.

Am Ende waren alle 189 Menschen tot, die sich an Bord der türkischen Birgenair-Maschine befunden hatten - darunter 164 deutsche Urlauber. Eingestiegen waren sie im Vertrauen, daß die "Herren der Lüfte" vorne im Cockpit auch die Herren der von ihnen zu beherrschenden Technik sind und genauestens wissen, was sie tun. Im Vertrauen auch, daß Flugkapitän Ahmed Erdem und sein Kopilot Aykut Gergin nach den strengsten Anforderungen ausgebildet und fortlaufend weitertrainiert worden sind - ein fataler Trugschluß, wie der abschließende Unfallbericht der dominikanischen Untersuchungskommission minutiös aufführt.

Doch das wirklich Erschreckende ist, daß es sich bei der Birgenair-Katastrophe nicht, wie kurz nach dem Unglück überall vermutet, um den Absturz eines dubiosen Billigcarriers mit schlechter Wartung und unqualifizierten Piloten gehandelt hat. "Die Piloten waren entsprechend den internationalen Anforderungen für die Boeing 757 ausgebildet", heißt es in dem Bericht. Das aber bedeutet: Die Piloten haben die sogenannten Minimalanforderungen erfüllt ebenso wie zahlreiche andere Besatzungen auch, die in diesem Augenblick in computerrevolutionierten Glascockpits ihre tonnenschweren High-Tech-Flugzeuge irgendwo hoch über uns bewegen.

Weiter heißt es im Bericht: "Es wurde jedoch festgestellt, daß die Piloten kein ausreichendes Training zum Erkennen, zur Analyse und zum korrekten Reagieren auf eine anormale Situation, wie sie sich im besagten Flug darstellte, besaßen." Das stimmt mehr als nachdenklich, denn demnach sind auch viele andere Piloten, die entsprechend den minimalen internationalen Anforderungen für die Boeing 757 ausgebildet wurden, offenbar auf einem ähnlich geringen Wissensstand.

Diese Trainingsanforderungen werden vom Hersteller Boeing und natürlich von der US-Luftaufsichtsbehörde Federal Aviation Administration (FAA) festgelegt. Andere nationale Behörden, wie in diesem Fall die türkische Aufsichtsbehörde, aber auch unser deutsches Luftfahrtbundesamt, kupfern solche Bestimmungen meist einfach ab und erlassen nahezu wortgleiche Vorschriften.

Schwere Wartungsmängel hatte unter anderen die deutsche Pilotengewerkschaft Cockpit nach dem Absturz in die öffentliche Diskussion gebracht. Der dominikanische Chef-Unfallermittler Major Emanuel Souffront konstatiert jedoch in einem Gespräch mit der ZEIT: "Der einzige Wartungsfehler, den wir festgestellt haben, war, daß die Staubdruckrohre über einen Zeitraum von einigen Tagen nicht vorschriftsmäßig abgedeckt waren." Genau dieser Umstand war das erste Glied in einer Fehlerkette, die letztlich zur Katastrophe vor Puerto Plata führte. Vielleicht aber hätte eine erneute Überprüfung das Problem entdeckt.