Und sie bewegen sich doch - die Kirchen. Evangelische wie katholische Kirche sind auf gutem Weg, ein gemeinsames Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland zu sagen. Der neue, zweite Entwurf beider Konfessionen ist sicherer Beleg dafür, daß sie - wieder - etwas zu sagen haben. Sofern das vom September datierte Zwischenergebnis über den vor gut zwei Jahren begonnenen Konsensbildungsprozeß substantiell erhalten bleibt, ist das ein ökumenischer Durchbruch. Denkbar ist, wenngleich hoch gegriffen, eine "Enzyklika Germanica" - außerhalb päpstlicher Unfehlbarkeit.

Unter Katholiken und noch stärker unter Protestanten gibt es ein starkes sozialkritisches Potential; aber die Amtskirchen haben sich bis heute schwer damit getan, dessen Impulse weiterzutragen. Wenn sich der eine oder andere Bischof mit Hirtenworten an die Gläubigen wandte, lag oft umstrittene Wahlhilfe nahe. Das trug eher zu Polarisierung in der Gesellschaft bei, wo Versöhnung angestanden hätte. Manch einer im Kirchenvolk warf den eigenen Bischöfen und Prälaten beim Umgang mit Fragen wie Sozialstaat, Armut und Weltwirtschaft Staatsfrömmigkeit vor.

Nun wendet sich das Blatt. Nach ersten, eiligen Kommentaren über das vor wenigen Tagen bekanntgewordene Zwischenergebnis des gemeinsamen Ringens schien zunächst das alte Strickmuster Oberhand gewonnen zu haben. Beinah schon böswillig hieß es, im Vergleich zum ersten Entwurf von vor zwei Jahren entstehe nun der Eindruck, als habe "das Kanzleramt geradezu Schreibhilfe geleistet". Dieses Urteil gibt das Papier mit dem Titel "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit" nicht her. Es ist schlicht falsch.

Richtig ist folgendes: Der 1994 entstandene Entwurf für ein gemeinsames Wort wurde ungewollt unmittelbar vor der Bundestagswahl bekannt. Und was damals noch eher fragmentarisch zu Armut, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Benachteiligung von Kindern, Frauen und Familien ungeschminkt und schonungslos aufgeschrieben war, las sich nicht nur wie eine Einmischung der Kirchen in die weltlichen Dinge. Es war eine, und zwar in dieser Form ungewohnte Einmischung in die Politik. Daß die Regierung und ihre Parteien die evangelisch-katholische Wortübung allerdings als Kritik an ihrer Politik und Wahlkampfhilfe zugunsten des politischen Gegners verstanden, lag zwar nahe, ist jedoch nachlesbar abwegig interpretiert.

Nun also liegt eine zweite Auflage vor, als Zwischenergebnis des weiteren Konsultationsprozesses und noch ohne jede Verbindlichkeit. Als Termin für die Verkündung wird das Frühjahr genannt. Es wird bei der Einmischung in weltliche Dinge bleiben. Daß sich die Kernaussagen wesentlich ändern, ist nicht wahrscheinlich. Man könnte sich schärfere Konturen vorstellen, etwas mehr Biß gewissermaßen.

Aber die Angst vor Zuspruch von falscher Seite wird den Ton vermutlich eher milder stimmen. Das deutet sich bereits an. Die neue Fassung zeigt etwas von der Handschrift der Autoren, die sich besonders mit dem Plan zum gemeinsamen Wort identifizieren, die treibende Kräfte sind - der Hildesheimer Bischof Josef Homeyer und EKD -Vizepräsident Hermann Barth. Dabei muß man wissen, wie Denkschriften dieser Art entstehen. Da gibt es viele Gremien, die Einzelthemen debattieren, deren Ergebnisse wieder von anderen diskutiert werden, bis irgendwann auch die mitredigieren, die später verantwortlich zeichnen. In diesem Stadium befindet sich der Abstimmungsprozeß.