Was viele geahnt oder gewußt haben, wird jetzt durch eine Studie bestätigt: Die Absolventen eines Chemiestudiums haben in Deutschland kaum Aussicht auf einen Arbeitsplatz. "Chemiker - eine verlorene Generation?" fragen die Autoren einer Untersuchung, die am Institut für angewandte Innovationsforschung und am Forschungszentrum für Personalentwicklung der Bochumer Universität durchgeführt wurde. Und ihre Antwort ist deprimierend.

Eine Schere tut sich auf für alle, die in den achtziger Jahren ein damals vielversprechendes Chemiestudium begannen und heute in der chemischen Industrie arbeiten wollen. Zum einen ist die Zahl der Arbeitsplätze vor allem für qualifizierte Fach- und Führungskräfte geschrumpft, und sie schrumpft weiter. Ende September 1995 waren 5007 diplomierte und promovierte Chemiker arbeitslos. Und 22,8 Prozent der 1995 promovierten Chemieabsolventen fanden keine Stelle. Zum anderen wurden und werden Chemiker an den Erfordernissen ihrer künftigen Tätigkeit vorbei ausgebildet. "Hochqualifiziert aber inkompetent" lautet das Untersuchungsergebnis. Es mangelt an Kommunikationsvermögen und Sprachkenntnissen, es fehlt an praktischem Know-how, unternehmerischem Denken und an geistiger Flexibilität. In unglückseliger Korrespondenz zu solchen Mängeln steht, bedingt durch das lange Studium von rund zehn Jahren, einerseits eine hohe Erwartungshaltung der Absolventen an Gehalt und Aufstiegschancen im künftigen Beruf. Andererseits sind sie durch starkes Studienreglement gewohnt, geführt zu werden, und dementsprechend eher passiv, was die eigene Karriereplanung angeht. "Eine ganze Generation naturwissenschaftlich-technischer Elite ist ins Abseits geraten, eine gigantische Fehlinvestition", kommentiert Erich Staudt das Untersuchungsergebnis, das er mit Marcus Kottmann und Richard Merker erarbeitet hat.

Die glücklosen Chemieabsolventen dieser Generation sind also Opfer schwerkalkulierbarer Entwicklungsstränge: Zum Studium angetreten mit großen, damals durchaus realistischen Karrierehoffnungen, ausgebildet zum hochqualifizierten Spezialisten, drängen sie nun auf einen Arbeitsmarkt, der statt promovierter Führungskräfte überall einsatzfähige, flexible Generalisten bevorzugt. Nur wenigen gelang es, ihre traditionelle Fixierung auf die chemische Industrie zu überwinden und ihr berufliches Fortkommen anderswo zu suchen - etwa im Umweltschutz. Und prompt sind die Stellen bereits Mangelware, auch hier, wie die Studie konstatiert.

Was kann man tun, einmal um derartige Fehlentwicklungen künftig besser zu steuern und zum anderen zu verhindern, daß sich der wohlbekannte "Schweinezyklus" einstellt, daß also als Reaktion auf die derzeitige Misere wieder ein Chemikermangel entsteht? Unbedingt, so rät die Studie, müsse die Studienstruktur geändert werden, weg von der bislang als nahezu obligatorisch geltenden Promotion hin zu einer weniger "akademischen", eher praktisch ausgerichteten Ausbildung. Dies wäre auch eine Voraussetzung dafür, daß angehende Chemiker ihre Laufbahnerwartungen etwas tiefer hängten und sich etwa auch mit bislang eher geringgeschätzten Tätigkeiten anfreunden könnten, beispielsweise der des Pharmareferenten. Für flexible Absolventen eines Chemiestudiums könnten durchaus Jobs gefunden werden, resümiert die Studie, in der Unternehmensberatung, im EDV-Bereich, im Qualitätsmanagement - und bei der Feuerwehr.

Sabine Etzold