Bach (so lautet die Anekdote von Kleist), als seine Frau starb, sollte zum Begräbnis Anstalten machen. Der arme Mann war aber gewohnt, alles durch seine Frau besorgen zu lassen; dergestalt, daß da ein alter Bedienter kam, und ihm für den Trauerflor, den er einkaufen wollte, Geld abforderte, er unter stillen Tränen, den Kopf auf einen Tisch gestützt, antwortete: ,sagts meiner Frau.'

Heißen wir nicht alle Bach? Die Frau ist tot. Da ist niemand mehr, der uns das Selberhandeln und Selberdenken abnähme. Waren wir nicht gewohnt, alles durch den richtigen Begriff von Politik besorgen zu lassen? Es gab links und rechts, Antifaschismus und Antikommunismus, es gab Vernunft und Fortschritt und das Reaktionäre, das Kapital und die internationale Solidarität. Man war für die SPD (mit Zweifeln) und gegen die CDU (ohne Zweifel), für den Frieden und gegen die Raketen, für Chancengleichheit und gegen Elite. Das hatte seine Ordnung. Da mußte nicht alles intellektuell selber besorgt, selber durchdacht werden. Die Front war klar, und wohin man gehörte, auch. Im Golfkrieg aber kam das Durcheinander erstmals auf den Tisch, und der unlösbare Konflikt lautete: nie wieder Krieg oder nie wieder Auschwitz?

Seitdem ist alles noch schlimmer geworden, scheinen schier alle Fragen unlösbar, die ernsten (Intervention in Zaire? Deutsche Soldaten wie lange in Bosnien?) und die weniger ernsten (Dole oder Clinton? Schröder oder Lafontaine?). Und übers Ökonomische darf man schon gar nicht nachdenken. Natürlich muß die Staatsquote gesenkt werden, aber wo kürzen? Nicht bei der Kultur, nicht bei den sozialen Leistungen, das ist klar. Und jeder soll studieren dürfen, es muß mehr Geld her für die Universitäten. Aber heimlich denkt man: Leistung muß ja sein, Elite auch.

Der Abschied von gestern fällt schwer. Wir sollen zum Begräbnis der alten Republik Anstalten machen, aber unter stillen Tränen antworten wir: "Sagt's meiner Frau." Und in diesem seltsamen Zustand des Trübsinns und der Ermattung diskutieren wir die wichtigen Fragen, die schwer oder nicht lösbar erscheinen, ganz leise und die, die längst entschieden sind, um so lauter. Oder weiß jemand eine bessere Erklärung für den Treppenwitz, daß die besten Schriftsteller und Intellektuellen der Nation drei Monate nach der Verabschiedung der Rechtschreibreform und zwei Jahre nach dem Beginn ihrer Diskussion erwachen?

Ein beispielloser Zorn hat die Schriftsteller ergriffen. Man spricht von Boykott, man ruft zum Widerstand gegen die Staatsgewalt auf. Politische oder literarische Differenzen zählen nicht mehr. Ernst Jandl steht an der Seite Walter Kempowskis, Günter Grass verbündet sich mit Ernst Jünger. Als ob es um das Äußerste ginge, als ob deutsche Fregatten die Küste Kaliningrads beschießen wollten. Es geht aber nur darum, daß der Schuß mit doppeltem s geschrieben werden soll.

Gibt es nichts Wichtigeres? Zweifellos. Eben deshalb, weil die Rechtschreibreform erstens nicht sehr wichtig und zweitens nicht mehr zu verhindern ist, regt sich die Wut über die verlorenen Groschen vertrauter Buchstaben. Hin und wieder melden sich versprengte Initiativen wie jetzt der Autoren-Kreis gegen die Menschenrechtspolitik der Bundesregierung: Seine Kritik trifft zu, aber mehr als eine Handvoll halbwegs bekannter Namen kam nicht zustande - nirgends ein Aufruhr, der dem gegen die Rechtschreibung gleichkäme.