Europa kann mit dem Votum der Amerikaner zufrieden sein. Sie haben sich für den Kandidaten entschieden, der eine bekannte, wenngleich nicht immer kalkulierbare Größe ist. Das erleichtert den Umgang mit Washington. Die Wiederwahl des Präsidenten bewahrt die Welt aber nicht nur vor der Phase außenpolitischer Ungewißheit, die noch jeden Wechsel im Weißen Haus geprägt hat. Es gibt gewichtigere Gründe, den Wahlausgang zu begrüßen.

Der Wettkampf zwischen Bill Clinton und Bob Dole mag wie ein Scheingefecht mit geringen programmatischen Differenzen und absehbarem Ausgang gewirkt haben. Hinter der spannungslosen Kampagne verbargen sich jedoch klare Alternativen. Zur Wahl standen beileibe keine Extremisten. Weder Clinton noch Dole haben Radikalkuren angeboten. Aber mit dem amtierenden Präsidenten hat sich der innenpolitisch moderatere und international aufgeschlossenere Kandidat durchgesetzt. Das erlaubt Schlüsse auf das Hoffen und Wollen der amerikanischen Mehrheit.

Sie hat den Präsidenten mit einem beeindruckenden Mandat für seine zweite Amtszeit ausgestattet. Die Gewaltenteilung, von den Verfassungsvätern aus vollem Herzen gewollt, bleibt jedoch in Kraft. Sie verlangt auch von einem strahlenden Sieger Kompromißbereitschaft und ein dickes Fell. Eines ist allerdings absehbar: Nach ihrer Bestrafung für die "konservative Revolution" bei dieser Wahl werden sich die Republikaner hüten, das Land erneut mit verbaler Radikalität zu erschrecken. Möglichkeiten zur Profilierung werden sie statt dessen bei Inquisitionen gegen das skandalträchtige Weiße Haus suchen.

Den konservativen Gegnern seiner Politik im Kongreß kann der Präsident wie bisher die Aura und Hebelkraft seines Amtes entgegensetzen, auch seine persönliche Geschmeidigkeit. Zu europäischem Naserümpfen besteht kein Anlaß. Politischer Opportunismus ist nicht nur ein Phänomen der amerikanischen Postmoderne, sondern global und ewig. Bill Clinton beherrscht die Kunst der Anpassung nur brillanter als andere und hat mit ihr in seiner ersten Amtszeit eine Menge bewirkt.

Jetzt lautet der wichtigste Auftrag seiner Wähler: die soziale und politische Deregulierung nicht ins Kraut schießen lassen. Das Verlangen belegt die Unkalkulierbarkeit des amerikanischen Volks. Wo es noch bei der Zwischenwahl vor zwei Jahren so aussah, als wollte der Zorn der weißen Männer Washington von der Landkarte tilgen, sorgte diesmal die Nüchternheit der Frauen für eine Korrektur. In ihrer Mehrheit stimmten sie für den Staat als Bewahrer sozialer Mindeststandards und Hüter der Sicherheit ihrer Kinder. Im Weißen Haus soll kein Nachtwächter sitzen. Als Beispiel für den radikalen Machttransfer von der Politik ins Private, das sollten auch die europäischen Epigonen von Newt Gingrich & Co. erkennen, hat das US-Modell an Überzeugungskraft verloren.

Was bleibt, ist Amerikas unvergleichliche Macht. In seinem weitgehend visionsfreien Wahlprogramm hat der Präsident nur angedeutet, wie er sie nutzen will. Wird er den protektionistischen und nationalistischen Strömungen im Kongreß widerstehen? Oder wird er sich ihnen beugen? Clinton weiß, daß sein Land kein einsames Schiff auf ruhiger See ist. Ihm drohen dieselben Wogen der Weltkonkurrenz, des Terrors und der Umweltkrisen wie anderen Nationen. Die konstitutive Scheu vor Verstrickungen in die Händel der Welt kann sich die einzige Supermacht, der Exportriese USA weniger denn je leisten. Auf den Präsidenten wartet viel Überzeugungsarbeit.