1. BUHMANN. Die Premiere war vorüber, die Künstler hatten ihr Werk vollbracht, nun tat das Publikum seine Arbeit - es applaudierte. Nicht rauschend, nicht brausend, sondern eher freundlich, müde und traurig. Und die Schauspieler, in einer langen Reihe aufgestellt, schauten betrübt zurück. Gleich würde alles enden.

Da kam er doch noch auf die Bühne, der Mann, der dieses ausgedacht und angerichtet hatte. Der Regisseur, der Bearbeiter, der Dichter Franz Xaver Kroetz, dessen "Woyzeck"-Inszenierung gerade im Hamburger Schauspielhaus zu Ende gegangen war. Der Dichter kam, schaute und erschrak.

Denn das Publikum, eben noch müde und milde gestimmt, verwandelte sich beim Anblick des Täters in ein einziges, zorniges, vielköpfiges Ungeheuer. Buhte den armen Dichtersmann gnadenlos aus - und kein Fan, kein Freund, kein liebender Angehöriger kam dem Geschmähten mit einem Bravoruf zu Hilfe.

Der Dichter schaute und erschrak - und dann machte er ein paar wirre, abfällige Gesten gegen die protestierende Meute. Und verschwand. Dies war aber noch immer nicht das Ende.

Denn Kroetz kam zurück ins Wutgeschrei, diesmal ganz allein, ohne den Schutz seiner Schauspieler. Nun sah er plötzlich gänzlich unerschrocken aus. Forderte das Publikum energisch auf, doch bitte die Proteste zu verstärken. Kroetz gegen die ganze Welt. Wenn ihr mich schon nicht liebt, schien dieser einsame Sturmlauf zu melden, dann will ich euren ganzen Haß!

Grandiose Szene - der aber ein sonderbar ungelenker, zappeliger Abgang folgte. Als hätten den Künstler die Prügel des gemeinen Publikums doch noch ins Kreuz oder Herz getroffen. Der Dichter, eben noch tolldreist, sah plötzlich verhetzt aus - eine "Woyzeck"-Szene, die beste, vielleicht die erste des ganzen Abends.