Den schlimmsten aller Teufel hat er traditionsgerecht wieder an die Wand gemalt, Frankreichs Kulturminister Philippe Douste-Blazy. Nämlich, "daß wir alle Amerikaner oder Australo-Amerikaner werden". Womit er meint, daß wir medial beherrscht und imprägniert werden von den Turners und Murdochs. Seine Remedur ist so klar wie einfach: "Der Staat muß Schutzzäune aufstellen, sonst hängt alles nur noch vom Geld ab."

Das neue audiovisuelle Gesetz, als Entwurf gerade im Kabinett vorgestellt, enthält folgerichtig eine eiserne Bauvorschrift: Wer immer "Sträuße" aus digitalen Fernsehprogrammen zusammenbindet, muß mindestens ein Fünftel Blüten aus fremden Beständen einflechten. Der Politiker will die vier staatlichen Programme des service public unbedingt dabeihaben; sie sollen ihren Platz finden auf "Plattformen", wie die technisch-organisatorischen Sendezentren in Deutschland genannt werden. Nur so könnten die öffentlichen Sender an der modernen Entwicklung teilhaben (sie dürfen sich sogar an Digitalanbietern beteiligen).

Solche Vorstellungen gelten wiederum hierzulande als Teufelszeug. In jenen Polit- und Lobbykreisen jedenfalls, die Rundfunkfreiheit sagen und Kommerzglück meinen. Sie plädieren dafür, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk systematisch aus der Zauberwelt der digitalen Vielfalt auszusperren. Ein Gutachter wie der Münsteraner Professor Albert Bleckmann, der eine "Verspartung" von ARD und ZDF als "gezielte Marktverdrängungsstrategie" und als nicht verfassungskonform brandmarkt, findet sich dafür allemal. Auch die gesetzgebenden Länder haben einen schweren Riegel vorgeschoben; zwei eigenständige Spartenprogramme unter öffentlich-rechtlichem Vorzeichen - und dann Ende der Fahnenstange. Nun muß die nahe und mittlere Fernsehzukunft nicht unbedingt digital dekliniert werden. Leo Kirch, der voll auf diese Karte setzt immer als Bezahlspiel, notabene -, gilt hier vielen mehr als Hasardeur denn als kalkulierender Visionär. Daß sein mit viel Trara gestartetes 15-(Alt-)Sorten-Paket für 20 monatliche Mark gerade mal ein Zwanzigstel der avisierten Abonnenten gefunden hat, scheint bestätigendes Menetekel. Die von ihm bestellte Million an Decodern zur Verteilung und Abrechnung zeichnet sich derzeit als Kontur eines unverkäuflichen Technikbergs in der Medienlandschaft ab. Die Knall-auf-Fall-Methode, mit der sich Bertelsmann und Pro Sieben vorläufig von der Digitalbühne verabschiedet haben - obwohl sie schon heftig die Werbetrommel für ihre eher grob geschnürten Pakete gerührt hatten -, spricht ebenfalls Bände.

Und doch. Ein perspektivgeschulter Intendant wie Dieter Stolte vom ZDF weiß ganz genau, daß dies nicht das letzte Wort ist. Und setzt deshalb seinerseits konsequent auf Teilhabe am "trialen System", wie er das Nebeneinander von gebühren-, werbe- und entgeltfinanziertem Rundfunk nennt. Wer sich den Trends "quer stellt", so seine Erfahrung, "ist von vorneherein aus dem Rennen". Bedenken, daß bei der Aufsplitterung der Gesellschaft in immer kleinere Teilöffentlichkeiten bis hin zur völligen Privatisierung die entsprechend individualisierten Medien paradoxerweise zum Kommunikationsabbruch beitragen, treiben ihn zwar um. Doch halten sie ihn nicht von der Strategie ab, über eigens zu gründende Verwertungsgesellschaften mit auf den Individualtrip zu gehen. In Partnerschaft mit den Privaten, aber ohne Kapitaleinlage, sondern stets über Programmzulieferung und entsprechende Gesellschaftsanteile.

Daß dieses Modell im ersten Anlauf 1993 kurz vor der Unterschrift scheiterte, weil der Fernsehrat einer solchen Kooperation mit dem amerikanischen Nachrichtensender CNN die Zustimmung verweigerte, beklagt Stolte noch heute als bittere Niederlage. Aus der er gelernt hat. Heute sind die Gremien besser eingestimmt. So daß noch im Dezember ein Vertrag mit Kirch unterschriftsreif sein dürfte. Mit dem ersten Ziel: das ZDF-Programm "eigenständig auffindbar", also nicht im Hinterzimmer des 378. Kanals, auf der Decoder-Plattform des Medienzaren zu plazieren. Und mit dem Zweitgedanken, für dessen Pay-Paket DF 1 Programme aus dem Mainzer Haus zuzuliefern. Der braucht es zwar nicht unbedingt, doch das ZDF-"Renommee" (Stolte) wäre schon ein Mehrwert fürs Image. Und für die Decoder-Verkäufer.

Die ARD ist zur Zeit auf einem ganz anderen Dampfer. "Vernetzen statt Versparten" heißt ihr Motto. Digital verknüpft, soll vieles nebeneinander auf Abruf bereitstehen: vom Ersten über die Dritten bis zu Arte, vom Angebot für Naturliebhaber bis zu Online-Kontakten und Hörfunk-Schalmeien. Bei der nächsten Funkausstellung soll diese klare öffentlich-rechtliche "Alternative zu Pay-TV" dem Publikum zeigen, daß digital nicht gleich Cash bedeutet. Sondern zunächst für eine hocheffiziente Verteiltechnik steht, die spielend ein paar hundert Kanäle schafft. Auch wenn Abrufvideos die Apparatur noch überfordern.