Das Summen schwarzer Bienenschwärme ist das erste - und einzige Geräusch, das in meiner Stadt zu hören ist: Ganz aus rotem Sandstein erbaut, ein weitläufiger Irrgarten aus kunstvoll behauenen, verfallenden Mauern, Säulengängen, Torbögen und Freitreppen, manche Fassaden bis an die Kuppeldächer mit eingemeißelten Schriftzeichen verziert, liegt meine Stadt dicht an der Grenze zwischen Rajasthan und Uttar Pradesh, liegt menschenleer in der Wintersonne Indiens. Meine Stadt? Es ist unsere Stadt, denn wo immer einer zu reden, zu erzählen beginnt und seine Geschichte mit dem Bild verlassener Häuser, leerer Plätze, leerer Gassen und ausgedörrter Brunnenbecken eröffnet, dort wird gebaut, werden innerhalb eines einzigen Atemzuges Straßen gepflastert, wachsen Mauern, Türme aus der Tiefe unserer Erinnerung oder der bloßen Vorstellungskraft, und wir stehen inmitten einer verlassenen Stadt, zwischen Ruinen.In den Sälen und Arkaden eines Palastes finden wir lange Re ihen von Sarkophagen, aber keine Bewohner, nirgendwo Tische, Bänke oder Betten, und in den nach wie vor hochragenden Kuppeln und Torbögen hängen Schwärme wilder Bienen in schwarzen, teppichgroßen Lappen, wie eine schillernde, summende Verspottun g jener Fahnen, perlenbestickten Spruchbänder, Gobelins und aller wehenden Pracht, unter der die Mauern der Stadt an den Tagen längst vergessener Triumphzüge verschwanden. Ich habe diese Bienenschwärme an einem windstillen Januartag gesehen, und ich habe ihr Summen noch jetzt im Ohr.Die Zeitungen und Nachrichtensender des Landes überschlugen sich an diesem Tag mit Meldungen von der Hinrichtung zweier Sikhs, die, der Ermordung der Staatspräsidentin Indira Gandhi für schuldig befunden, zum Tod durch den Strang verurteilt und in der Nacht gehenkt worden waren.Im Punjab wurden nach Straßenschlachten zwischen Sikhs und Polizei und Armee schon neunzehn Tote beweint, und auch in Delhi begann die Armee, Straßensperren und Wälle aus Sandsäcken zu errichten . . .Nur in unserer Stadt, blieb es still.Dort schien alles, was die Menschen jemals empört, begeistert, geängstigt oder gequält hatte, für immer Vergangenhei t.Und so wie der Name des roten Wüstenlandes in der Ferne bloße Erinnerung war - Rajasthan. Land der Könige -, so beschwor auch der Name unserer Stadt eine längst erloschene Macht.Fatehpur.Das bedeutet Siegesstadt. Fatehpur, werden jetzt vielleicht einige von uns sagen, Fatehpur-Sikri! Kommt uns bekannt vor.Residenzstadt des Mogulkaisers Jalal ad-Din Muhammad, genannt Akbar, der Große.Fatehpur, nach dem unbeugsamen Willen Akbars im sechzehnten Jahrhundert innerhalb weniger Jahre erbaut - eine Stadt, größer als das damalige London - und trotz aller Pracht nach bloß vierzehn Jahren wieder verlassen, aufgegeben wie ein Zeltlager, weil dem Mogulkaiser auf seinen Kriegs- und Eroberungszügen jeder Ort, ob er nun Agra, Lahore oder Fatehpur hieß, nur vorübergehend als Residenz diente, als bloße Karawanserei auf seinem Weg zur Allmacht, ja Göttlichkeit: Allahu Akbar ließ der Mogul zur Genugtuung und zum Entsetzen seiner Mullahs in die Mauern seiner Residenz und auf die Münzen seines Imperiums schlagen, das im Zenit seiner Macht vo m Hindukusch bis zum Godavari und von Bengalen bis zum Gujarat reichte: Allahu Akbar!In Fatehpur bedeutete dieses Bekenntnis aber nicht mehr allein Allah ist groß, sondern auch - und vor allem - Akbar ist Allah.Akbar ist Gott. Anders als wir, brauchte aber selbst ein gottgleicher Held und Großmogul an die zehntausend Arbeiter täglich, Diener, Taglöhner, Sklaven, um seine Stadt zu gestalten, um aus roten Felswänden ein ganzes Gebirge gemeißelter Steine zu schlagen, um einen Fluß zu stauen und so die Herrlichkeit seiner Residenz auch noch mit einem See zu schmücken, einem See inmitten eines glühenden Landes, das er mit dem Eis Kaschmirs zu kühlen versuchte, mit tropfenden Karawanen, die Schnee aus dem Himalaya durch die Wüsten Rajasthans bis nach Fatehpur trugen.Uns genügen für die Errichtung wie für die Kühlung einer hitzeflirrenden Stadt einige Worte, aber nur einer, der von den Gesetzen und vom Geheimnis des Erzählens nichts weiß, würde den häretischen Prunk der Residenz Akbars mit der Dauerhaftigkeit, ja Unzerstörbarkeit unseres Fatehpur verwechseln. Im Reich der Erzählung bedarf selbst die Erfindung der Welt nur einer Stimme und eines Zuhörers, und um das Eis Kaschmirs in Truhen aus Ebenholz, Kupfer, Leder und Schieferstein durch die Wüste zu tragen, muß der Staub unter den Hufen unserer Kamele nicht der Staub Indiens sein. Und rührte nicht selbst der Glanz Fatehpurs, der so kometenhaft aufglühte und wieder erlosch, schon zu Akbars Zeit von Bauwerken, die aus dem gleichen Material waren wie die Häuser und Türme unserer Stadt - von Werken der Imagination, der Gedanken, kurz, der bloßen Phantasie?Denn Fatehpur war nicht nur die zu Stein gewordene Zeltstadt eines Eroberers und ein Brennpunkt der Macht, sondern auch Metropole einer seltsamen, ja unerhörten Freiheit: Akbar, Sohn eines sunnitischen Vaters und einer sch iitischen Mutter, Akbar, der Held Indiens, der selbst kaum lesen und schreiben konnte und alles, was er von der Welt wissen wollte, von Zuträgern, von Vorlesern und Erzählern erfuhr, hatte schon in den Jahren der Bauzeit seiner Stadt erkannt, daß Do gma und Orthodoxie ein Reich eher sprengen als einigen und einen Palast eher verfinstern als erhellen würden.Und mit der gleichen Unersättlichkeit und Leidenschaft, mit der Akbar, der Herr der Horizonte, die Grenzen seines Reiches immer weiter ausde hnte, verfuhr er auch mit den Grenzen seines Wissens.So wie er aus den abgeschlagenen Häuptern seiner Feinde blutige Rundtürme errichten ließ, Schädeltürme als Wegzeichen nach Fatehpur, so versammelte er die Überlebenden seiner Triumphe, Gelehrte, Theologen, Künstler und Philosophen aus allen Sphären seiner Herrschaft in seiner Residenz, befahl nicht nur Sunniten und Schiiten in einen Palast der Gespräche und in luftige, mit Teppichen und Gemälden geschmückte Pavillons, die das Bilderverbot der islamischen Orthod oxie spielerisch außer Kraft setzten, sondern bot hier auch den Hindus, Sufis, Parsis - und sogar jesuitischen Missionaren der portugiesischen Kolonie in Goa einen sicheren Ort.In Akbars Pavillons durfte jeder Priester oder Prediger einer Lehre d en Gott, die Götter, Dogmen, Geister und Heiligen der jeweils anderen Lehre von Zeit und Ewigkeit ungestraft in Zweifel ziehen.Vielstimmig, vielsprachig, von Malern, Dichtern und Musikern ins Paradiesische verklärt, sollte Fatehpur nach dem Wille n seines Erbauers der Stern sein, der sein Licht aus allen Richtungen und Weiten des inneren und äußeren Raumes bezog und gebündelt wieder in alle Richtungen zurückwarf. Akbar, erster Schüler aller Lehren, betete und fastete zwar wie ein Moslem, trug aber auch die Tilaka, das Mal der Hindus, auf der Stirn und ließ sein Haar nach Art der Hindus wachsen, trank nur Wasser aus dem Ganges, opferte auf den Feueraltären der Parsis, sank in der Kapelle der Jesuiten auf die Knie und ließ zu, daß die portugiesischen Missionare im Schatten der großen Moschee von Fatehpur ein Kreuz, Zeichen eines gefolterten Propheten, errichteten, während in seinen Pavillons die Dispute um die Regeln des Lebens, Denkens und Betens, um das Paradoxon eines dreifaltigen Gottes, um das Verbot der Witwenverbrennung und um die Dauer der Ewigkeit weiter und weiter geführt wurden.Wie viele Frauen durfte ein Mann besitzen?Eine?Drei?Dreißig?Die Chronik von Akbars Harem bezeugt an einer Stelle dreihundert, an einer anderen fünftausend Frauen. Natürlich konnte der Atem aller Dispute und Gespräche zusammengenommen nicht weiter reichen als der Atem jeder Utopie - und vor allem nicht weiter als die verfliegende Geschichte der Stadt selbst. Natürlich gab es Streit unter den Vertretern so vieler Wahrheiten und Bekenntnisse, natürlich Haß, offene und verborgene Kämpfe, selbst tödliche Rivalitäten unter den Männern so vieler Götter. War es also ein Wunder, daß Akbar, der Große, schließlich allen zu schweigen befahl, dem Streit ein vorläufiges Ende setzte und ein neues Dogma verkünden ließ.Die letzte Wahrheit sollte von nun an allein bei dem Einen, dem Einzigen liegen, der allen zuhören und keinem ganz glauben wollte, bei Akbar allein.Was Er sagte, sollte von nun an gelten als das Wort Gottes Allahu Akbar. Der Unfehlbare, der Unbesiegbare, der Unsterbliche, starb am 15. Oktober 1605, im fünfzigsten Jahr seiner Herrschaft und zwanzig Jahre nachdem er Fatehpur verlassen und den in immer weitere Fernen fliehenden Grenzen seines Imperiums nachgezogen war.In der Stunde seines Todes umstanden die Priester und Prediger feindlicher Religionen sein Lager und ereiferten sich immer noch - diesmal in der Erwartung, wessen Gott wohl die Ehre haben würde, als letzter auf den Lippen des Sterbenden zu sein.Aber wer wurde schließlich begraben?Ein gottgleicher Held, wie de r erste seiner Höflinge, der Biograph und meisterhafte Erzähler Abu'l Fazl behauptete - oder starb ein maßloser Häretiker und Despot, als den Badauni, ein strenggläubiger Berater des Moguls, seinen Herrn in einer anderen, heimlich verfaßten Biogra phie beschrieb, in einem Buch, das erst von Akbars Erben entdeckt, verflucht und verboten wurde und seinen Verfasser in Todesgefahr brachte. Ach, diese Biographen, sagen wir, diese Geschichtenerzähler, die gehören doch zu uns, die tun, was auch wir tun: überführen die wirklichen, unverwechselbaren Menschen und die wirklichen Orte und Städte ins Reich der Erzählung, wo aus einem einzigen plötzlich drei, vier, unzählige widersprüchliche Gestalten werden - und aus einer einzigen Stadt, einem einzigen Fatehpur, zwei.Aber welcher Akbar, welches Fatehpur ist das wahre? Wir, wissen nur, daß es eine verlassene Stadt an der Grenze zwischen Rajasthan und Uttar Pradesh gibt und daß dort Sarkophage in ehemaligen Thronsälen stehen, daß dort die Erosion unmerklich Schicht um Schicht von den Steinen schleift und der Wind roten Sand in die Wüste hinausträgt, bis auch die letzte Wehrmauer eingeebnet und der Ort wieder leer sein wird wie am Anfang der Zeit.Wir wissen aber auch, daß ein anderes Fatehpur, unsere Stadt, vielleicht noch bestehen wird, wenn kein einziger S tein mehr an Akbars Residenz erinnert.Nein, unsere Stadt ist keine Residenz, kein Ort der Macht, aber auch kein Ort des Schreckens.Erst unsere Stadt trägt ihren Namen zu Recht, Fatehpur, die Siegesstadt, in der zumindest eine Ahnung von Freiheit un d neben der wirklichen Geschichte auch ihre bloßen Möglichkeiten bewahrt und überliefert werden: die Möglichkeiten der Menschen.Und selbst wenn einer von uns verstummt und verschwindet - wir vertrauen darauf, daß immer welche zurückbleiben, die ims tande sind, weiterzuerzählen und sich zu erinnern, an das, was wirklich - und was bloß möglich war.Und ihre Erzählungen, ob es nun Akbars Geschichte oder unsere eigene ist, werden zwar nicht für alle Zukunft unvergeßlich bleiben und ganz gewiß nicht für die Ewigkeit, aber zumindest bis zu jenem Tag, an dem das Gedächtnis ihres letzten Zuhörers erlischt.