Von Hans Henny Jahnn stammt die Bemerkung, unter allen menschlichen Trieben sei der Geschlechtstrieb der unschuldigste. Wenn man sich die Unmasse der Tiere vor Augen hält, die dem menschlichen Ernährungstrieb zum Opfer fallen, und wenn man zugleich davon überzeugt ist, daß die Tiere höherer Ordnung empfindende Kreaturen sind, dann wird man Jahnn zustimmen. Vielleicht ist sein Ausdruck "unschuldig" seinerseits etwas unschuldig, denn wir kennen die Nachbarschaft von Sexualität und Aggression, von Eros und Tod.

Dennoch ist auffällig, daß die Pornographie noch immer eine größere Empörung hervorzubringen vermag als der tägliche Schlachthof.

Wobei einigermaßen unklar ist, was denn Pornographie sei. Meyers Lexikon von 1977 nennt sie die "sprachl. und/oder bildl. Darstellung sexueller Akte unter einseitiger Betonung des genitalen Bereichs (zuweilen in Verbindung mit Perversionen) und unter Ausklammerung der psych. und partnerschaftl. Aspekte der Sexualität".

Demzufolge wäre das "Jahrbuch für Erotik", das Claudia Gehrke und Uve Schmidt seit 1982 herausgeben, keine Pornographie, da es den "psych. und partnerschaftl. Aspekten der Sexualität" großen Raum widmet und den "genitalen Bereich" nicht "einseitig" betont, sondern allenfalls betont. Gleichwohl werden nicht wenige Zeitgenossen es für pornographisch halten, eben deshalb, weil es darauf angelegt ist, die Lust des Betrachters und des Lesers zu wecken.

Angenommen, dieses Ziel sei nicht verwerflich und vielleicht sogar gedeihlich, dann wäre nach der Qualität dieser Lustbeförderungen zu fragen. Da die Menschheit schon immer danach trachtet, die unmittelbaren Lebenszwänge zu kultivieren und ihnen eine schöne, luxuriöse Seite abzugewinnen, gibt es die Kultur des Wohnens, des Kochens und Speisens, der Kleidung, des Reisens und vieles mehr. Gemessen daran ist die Kultivierung der Sexualität mäßig entwickelt. Ihr fehlt das Mittelfeld: Zwischen den schönen Künsten, die erotisch sein dürfen, und den häßlichen Sümpfen der Hardcorepornographie bleibt wenig übrig.

Claudia Gehrke nennt ihr Jahrbuch "Mein heimliches Auge". Sie weiß, daß Sexualität und Intimität zusammengehören. "Ein Geheimnis ist nur dann geheim, wenn es manchmal verraten werden kann", schreibt sie listig im ersten Band. Aber auch nach elfbändigem Geheimnisverrat beugen sich die Beiträger, die sich in ihren Gedichten und Erzählungen, Zeichnungen und Photos entblößen und verkleiden, verraten und verschlüsseln, immer noch über die Gründe und Abgründe der Lust.

Das Geheimnis bleibt.